Die deutsche Agrarpolitik und Agrarökonomie – Entstehung und Wandel zweier ambivalenter Disziplinen
Habilitationskonzept, Stand 2011
Die geplante Monographie „Die deutsche Agrarpolitik und Agrarökonomie – Entstehung und Wandel zweier ambivalenter Disziplinen“ beinhaltet die wissenschaftssoziologisch angelegte Analyse zur Entstehung und Entwicklung der zwei genannten universitären Disziplinen in Deutschland.
Auslöser dafür ist die Feststellung, dass die Agrarpolitik an allen deutschen Agrarfakultäten ausschließlich von Agrarökonomen besetzt ist und auch im Bereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften insgesamt an allen Standorten überwiegend nur noch Agrarökonomen lehren. Die damit einhergehende Behandlung agrarpolitischer Probleme seitens der Wissenschaft aus vorrangig agrarökonomischer Sicht hatte auch im Spannungsverhältnis Wissenschaft-Politik innerhalb der so genannten Agrarwende 2001 seine Entsprechung: Zum einen medial angezeigt durch den Aufruf von 42 Agrarökonomen „Professoren mahnen zur Vernunft in der Agrarpolitik“; zum anderen, da im „Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik“ beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten bis auf ein Mitglied auch alle Agrarökonomen waren. Während man politisch 2001 mit einer Neubesetzung des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik reagierte, indem man nun Mitglieder berief, die nicht nur dem etablierten Agrarökonomen-Kreis zugehörig waren und die auch erweiterte Themenbereiche vertraten (Soziologie, Ökologie, Landschaftsplanung, Tierschutz usw.), blieb die Situation an den Universitäten unverändert bzw. verschärfte sich noch: Von 2001 bis 2009 sank der Anteil der Nichtökonomen im Bereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an den Agrarfakultäten von ca. 30% auf nicht einmal 15%.
Ziel der Arbeit ist daher, die genannte Ausprägung – Vertretung der Agrarpolitik durch Agrarökonomen sowie deren Dominanz in dem entsprechenden Wissenschaftsbereich – analytisch zu hinterfragen.
Dabei ist die Arbeit interdisziplinär angelegt, da es hier um wissenschaftssoziologische Fragestellungen (Profil und Dynamik der so genannten Schulenentstehung), um historische Fragestellungen (Geschichte der Disziplinen einschließlich Hinterfragung der intentionalen Geschichtsschreibung) sowie wissenschaftstheoretische Fragestellungen geht, (da die universitäre Agrarpolitik und Agrarökonomie im unmittelbaren Kontext der deutschen Nationalökonomie und des Vereins für Socialpolitik entstand, wo das Spannungsfeld Politik-Ökonomie von Beginn an, angezeigt durch den Methodenstreit sowie den Werturteilsstreit, inhärent war).
Wissenschaftliche Ausgangsprämissen dabei sind, dass erstens Wissenschaftsentwicklungen in ihren personellen und institutionellen Ausprägungen vor allem unter wissenschaftssoziologischem Fokus adäquat nachvollzogen werden können (Schulenentwicklungen, Lehrer-Schüler-Verhältnisse, Inklusions- und Exklusionsdynamiken, Netzwerke usw.). Zweitens muss ebenso der hohen Bedeutung grundlegender Denkausrichtungen innerhalb des gesamten Konstituierungsprozesses in der Wissenschaftsentwicklung entsprochen werden – hier im Rückgriff auf die Performativity-Theorie.
Die Arbeit gliedert sich in vier Teile:
Im ersten Schritt erfolgte eine Ist-Stands-Analyse (Stand 2008) und hier zu wesentlichen Institutionen (Universitäten, Professuren, Lehrbücher, Wissenschaftlicher Beirat). Hier wurden die verschiedenen Ausprägungen zu dem Kongruenzphänomen (das im Agrarbereich Ökonomie als Politik gefasst wird bzw. umgekehrt), quantitativ und qualitativ herausgearbeitet. Ebenso erfolgt eine grundsätzliche Vorstellungen des Wandels zur Disziplinauffassungen ab der Disziplinenentstehung bis zur Publikation des letzten Standardlehrbuchs 1991. Aus dieser geht hervor, dass das Spannungsverhältnis Agrarpolitik-Agrarökonomie schon mit der Disziplinenentstehung ab ca. 1870 begann, die Institutionalisierung einer „wissenschaftlichen Agrarpolitik“ als „positive“ ökonomische Theorie aber erst ab 1945 erfolgte und die zum Monolithismus führenden Dynamiken erst ab ca. 1980 einsetzten. Besondere Brisanz hat dabei (vorweggenommen) der Umstand, dass der Übergang von einer ethisch-nationalen Schule (vor 1933) zu einer Schule der „positiven“ ökonomischen Theorie nach 1945 fast ausschließlich durch die gleichen professoralen Vertreter erfolgte, da die Verbleibsrate 1933 als auch 1945 in diesem Bereich sehr hoch war (95%).
Gemäß dieses Ausgangsbefundes sind die nachfolgenden Teile der geplanten Arbeit in drei Zeitepochen gegliedert: Disziplinenbeginn bis 1933, 1933 bis 1te Nachkriegsgeneration, 1. Nachkriegsgeneration bis ca. 2000.
Methodisch liegen der Arbeit mehrere und verschiedene Erhebungen und Analyeverfahren zugrunde:
- Personen und Institutionen wurden über systematische Quellen (vademecum, Kürschner, ADB, NDB) erfasst. Hinzu kommen Lebenslaufdaten aus punktuellen Quellen (Festschriften, Autobiograhien, Angaben der Universitäten usw.) sowie insbesondere für die Zeit 1933 bis 1945 die Akten (Personalakten, NSDAP-Zentralkartei, NSDAP-Gaukartei usw.) des Berliner Dokumentencenters. Die Erhebung ist für alle Zeitabschnitte für die Professoren für Agrarpolitik und agrarökonomische Inhalte (BWL, Marktlehre usw.) an den Landwirtschaftlichen Hochschulen und Agrarfakultäten der Universitäten (ab 1945 Westdeutschland) als Totalerhebung angelegt, für die Zeit bis zur Herausbildung dieser Professuren (bis ca. 1920) als Totalerhebung aller agrarischen Erstprofessuren.
- Inhaltliche Analysen erfolgten auf der Basis entsprechender Publikationen, hier vor allem zur Zeit vor 1933 die im Kontext der Arbeit des Vereins für Socialpolitik publizierten, 1933 bis 1945 die Publikationen in den entsprechenden NS-Periodika plus Monographien und für nach 1945 zu ausgewählten Themenschwerpunkten.
- Für die Zeit nach 1945 wurden mit 12 Vertretern der Agrarökonomie und Agrarpolitik sowie Kritikern problemzentrierte Interviews durchgeführt, aufgenommen und transkibiert.
- Netzwerkanalysen erfolgten zu verschiedenen Schwerpunkten (Schulenausprägungen, Gremienbesetzungen, Schulen-„Stammbäume“, Würdigungsnetzwerke, geobasierte Netzwerke usw.) mit nodeXL, UCINet und VennMaker.
Die Ergebnisse sollen in eine Monographie (vielleicht in zwei Teilen, vor 1933 und nach 1933) zusammengeführt werden. Vorabsprachen mit einem Verlag sind getroffen.









