Projekt Geschichte des Neoliberalismus-Erstentwurf

Dokumentationsprojekt zum (Neo)Liberalismus im 20. Jahrhundert

Projektskizze von Jürgen Nordmann. Stand: 1. Dezember 2009

1 Übersicht

Rahmen

  • Quantitativ: 500-600 Seiten (ca. 250 Seiten Text, 50 Seiten Visualisierung und 200 – 300 Seiten Material/Darstellung der empirischen Basis).
  • Zeitlich: Weil umfangreiche Vorarbeiten, besonders Datenbanken und geordnetes Archivmaterial bereits vorliegen, sollte ein Projektrahmen von 24-36 Monaten ausreichend sein
  • Personell: Erforderlich wären drei Mitarbeiter, die nach den drei Hauptteilen ihre Schwerpunkte setzen (Text/Visualisierung/Archiv) und gleichzeitig interdisziplinär arbeiten.

Drei Hauptteile

  • a) Textteil (Zugang, Methoden, Systematik, Typologie, Überblick)
  • b) Visualisierung der  Netzwerke und Strukturen in Schautafeln, Graphiken und Diagrammen
  • c) Material und Darstellung der Protagonisten in Bildern und Lebensläufen (Sämtliche Veröffentlichungen, Stationen, Seminarlisten, Themen etc.)

zu a) Zugang:

Gefordert ist ein multiperspektivischer Zugang, der versucht, heterogene Gruppen und Gruppenensembles, die auf dem Feld Liberalismus agierten, in die historischen Konstellationen zu platzieren und über ihre Interaktion mit anderen Gruppen ihre Wirkungen und Wirkungswege zu analysieren. Der Gegenstandsbereich muss anhand der angewandten Methoden immer wieder auf das Neue bestimmt werden, weil grenzübergreifende respektive –unterschreitende Gebilde wie zum Beispiel der österreichisch-englische Neoliberalismus in ihrer Reichweite nur konstellationsabhängig untersucht werden können. Der Widerspruch zwischen marginaler intellektueller Geschichte bis zum Sprung in die Macht und die darauf folgende politische und wirtschaftliche Geschichte ist als spezifische Zugangsproblematik kenntlich zu machen. Lösungswege sind vorzugeben, die diese Kluft auch theoretisch schließen. Der Zugang muss sowohl induktiv von den Phänomenen her theoretische Ansätze entwickeln als auch deduktiv über bestehende Theorierahmen arbeiten. Dabei ist immer der Spagat zwischen Inhalten und der Entwicklung eines Denkstils im Wechselverhältnis zur organisatorischen und politischen Weiterentwicklung des neoliberalen Projekts zu sehen. Denkbewegungen, das sich wandelnde oder gleichbleibende Selbstverständnis in den Debatten, Organisationsstruktur, die Einbettung in eine spezifische Elitenfraktion sowie die jeweilige Entfernung/Distanz von der Macht (Zentrum und Peripherie) sind als Gesamtprozess zu betrachten. Die Organisationsformen sind in ihren Anbindungen an etablierte Strukturen in Medien, Politik und Wissenschaft zu untersuchen. Die Grenzen der Kapazität der Denkstile und Organisationsformen müssen diskutiert werden. Der spezifische (neo)liberale Denkstil muss durch Analyse der Sprachspiele und der Themenfelder kenntlich gemacht werden.

In den Zugangsbedingungen sollen schon die Schemen erkennbar sein, die dann im Verlauf der Darstellung zu einer Systematik der einschlägigen Epoche führen. Typologien sollen die Systematiken axiomatisch grundieren.

Methoden

Wissen(schafts)soziologie (Zugang und Organisation – anhand von Karl Mannheim und Ludwik Fleck), Ideengeschichte (Analyse, Generierung und Zirkulation von Ideen – nicht zuletzt Max Weber (Ideen und Interessen), Analyse des intellektuellen Feldes (Pierre Bourdieu)), Geschichte der (Wirtschafts)politik (empirische Grundierung), Diskursgeschichte (lehrbuchmäßig nach Michel Foucault), Netzwerkanalyse, Akteursanalyse, Strukturgeschichte, Gruppensoziologie (Georg Simmel, Sektentheorie von Max Weber).

Ein weiterer methodischer Zugang ist, die methodischen Lehren des Liberalismus, sprich die Wissenschaftstheorie von Karl Popper und die Konstruktivismuskritik von Friedrich von Hayek oder das Modell des impliziten Wissens von Michael Polanyi auf die Theorie und die Entwicklung des Neoliberalismus oder anderer liberaler Strömungen selbst zu beziehen.

Die empirische Grundlage der Darstellung ist in einem Dokumentationsprojekt dieser Art die klassische Archivarbeit. Sichtung, Ordnung und Bewertung des Materials müssen vorgenommen werden, sich aber an den obigem Theorierahmen und den Zielsetzungen des Gesamtprojektes einordnen und bewähren. Wobei auch die empirische Arbeit insofern ein offener Forschungsprozess ist, dass neue Funde den Theorierahmen ändern können.

Überblick über die Geschichte des Neoliberalismus/Liberalismus: Ein deskriptiver Überblick, nüchtern und in Form eines Abrisses

zu b) Schautafeln und Diagramme über Personen, Netzwerke, Themen (Wissenschaftler, Politiker, Journalisten – Querverbindungen – Intellektuellengruppen (z.B. Mises Kreis, Ökonomieabteilung LSE, Chicago-School, Freiburger Schule etc.), Honoratiorenclubs (z.B. MPS), Think-Tanks, Verbände, Stiftungen, Parteiinstitute, etc.)

zu c) Material und Personen mit Lebenslauf, Stationen, Veröffentlichungen, Quellen, Seminaren, Vorlesungsreihen, Forschungsprojekte, Kooperationen, Finanzen (u.a. Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek, Kaufmann, (Voegelin), Plant, Robbins, Frank Knight, Gottfried Haberler, Fritz Machlup, (Karl Popper), Raymond Aron, Marjolin, Auboin, Marlio, Baudin, Bourgeois, Castillejo, Piatier, Detoeuf, Possony, Heilperin, Rougier, Hopper, Rueff, Lavergne, Mantoux,(Oskar Morgenstern), (John von Neumann), Walter Lippmann, Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow, Schutz, Marcel van Zeeland, Hunold, Ayn  (Notzick), Michael Polanyi, Gary Becker, James Buchanan, Milton Friedman, (Hans Kelsen), Brand, Müller-Arnack, (Ludwig Erhard), (Margaret Thatcher), (Ronald Reagan), Stigler, (Vaclav Klaus), (Otto Graf Lambsdorff), Gerhard Schwarz, (Barbier)

2 Einleitung und Erläuterung

Wahrscheinlich würden es Befürworter und Gegner gleichermaßen für falsch halten, von einer neoliberalen Epoche zu sprechen. Beinhaltet doch der Epochenbegriff den Anschein von Abgeschlossenheit. Ob es nach dem Crash 2008 zu einem nachhaltigen Paradigmenwechsel in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik sowie zu neuen Machtkonstellationen kommt, ist noch offen und wird aller Voraussicht nach davon abhängen, wie tief die Wirtschaft in der Rezession abstürzen, wie lange die Krise dauern und wie schnell und ob sich überhaupt eine politisch wirksame Opposition gegen das sich seit dreißig Jahren ausdifferenzierende und verfestigende System des Marktliberalismus bilden wird. Offensichtlich ist allerdings, dass ein auf Mikroökonomie und selbstorganisierende Prozesse basierender Denkstil nicht in der Lage ist, die stetig eskalierenden Makroprobleme zulösen. Es ist nicht nur das Scheitern an den Problemen, die der keynesianisch orientierte Wohlfahrtsstaat in den 1970er Jahren aufgeworfen hat – mithin das Armuts-, das Umwelt-, das Gesundheits-, das Kriegs- und auch das Regulationsproblem. Die Kapazitätsgrenzen des neoliberalen Denkstils liegen im Kernbereich seiner eigenen Theorie. Es ist der Markt, den er auf Dauer vor Existenz bedrohenden Abstürzen nicht bewahren kann. Weil die Politik neoliberal geworden ist, ist der Neoliberalismus selbst die Ursache für den Kollaps des Marktes. An diesem Paradox muss zumindest der Kern des neoliberalen Projektes scheitern.

In dieser Hinsicht scheint es gerechtfertigt, den Versuch zu unternehmen, den Neoliberalismus als Epoche zu historisieren. Der Vorteil eines solchen Verfahrens ist, dass die Bewertungen der direkten Konfrontationen um die aktuelle Politik entzogen werden können. Ein Denkstil, ein wirtschaftswissenschaftlicher Ansatz, eine Ideologie und eine konkrete Wirtschaftspolitik rücken in den Focus, die gleichermaßen zu den jeweils Wichtigsten des 20. Jahrhunderts zu zählen sind. Der Neoliberalismus kann als intellektuelle und politische Formation mit anderen historischen Epochen verglichen werden. Dabei ist gelassen zu konstatieren, dass es ähnliche Phänomene bereits in der Geschichte gab. Wie eine Vielzahl von Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepten begünstigt der Neoliberalismus in aller Regel ausgewählte Gruppen der Gesellschaft. Vor allem natürlich die, die über eine neoliberale Politik an die Macht oder doch zumindest in die Vorzimmer der Macht gelangt sind. Diese selektive Ressourcenverteilung zugunsten der eigenen Klientel ist nichts Neues, und es ist auch nichts Neues, dass die einseitige Bevorzugung von ohnehin Begünstigten im Widerspruch zu den Heilsversprechen universaler Konzepte – so eben auch neoliberaler Provenienz – stehen. Die Markttheorie besagte keinesfalls, dass Freiheit die Freiheit der Begünstigten ist, sondern, dass jeder in einem regelgeleiteten fairen Spiel am Markt seine gerechte Chance wahrnehmen kann. Aber bei bestehender Ungleichheit vermochte es selbstverständlich auch die sensationellste Marktpolitik nicht, kapitallose oder kapitalschwache Schichten, die den Großteil der kapitalistischen Gesellschaften ausmachen, an dem großen Spiel des Marktes teilhaben zu lassen oder einen Wettbewerb zu generieren, bei dem sie nicht aufgrund ungleicher Ausgangsbedingungen von vorn herein zum Verlierern bestimmt sind. Diese Ausgrenzung und Ignoranz gegenüber kapitalfernen Gesellschaftsschichten ist ein Kennzeichen fast aller neoliberalen Politikentwürfe. Aber eine genaue Untersuchung der elitären Gruppen unter dem Gesichtspunkt des Profites an Geld und Macht steht noch aus. Auch ist das, was sich als eine Art neoliberale Gesellschaft seit den 1980er Jahren entwickelt hat, in Bezug auf Schichtung und Lagerung der Macht noch nicht hinreichend untersucht. Die Fokussierung der Macht auf kleine Gruppen oder elitäre Zirkel ist aus vielen Gesellschaftsformationen bekannt. Die Geschichte der Machteliten reicht von ausgewählten römischen Patrizierfamilien über wenige hundert englische Adlige, Politiker und Unternehmer, die das Empire de facto über sehr lange Zeiträume relativ unangetastet regierten, bis hin zur marxistisch-leninistischen Kaderbildung, die ebenfalls zu einem nur engen Kreis von tatsächlich Mächtigen führte. Neu ist bei der neoliberalen Machtausübung die Fixierung auf indirekte Methoden und das Kaprizieren von Beeinflussungsverfahren – zum einen der Eliten und zum anderen einer als variabel formbar wahrgenommenen öffentliche Meinung – über Wissenschaftler und Journalisten. Vom Denkansatz her sollen an demokratischen Institutionen und Willensbildungsprozessen vorbei politische Entscheidungen beeinflusst werden. In der Tendenz kann man von einem System des ideologischen Lobbyismus sprechen (Vgl. Plehwe/Mirowski 2009). Hiermit einher geht eine Aufwertung von parteiischen Experten – meist sind es die sogenannten Hofökonomen -, die in den ambivalenten Zwischenräumen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien agieren und über ganz eigene, nur für Eliten transparente Formen der Netzwerkwirtschaft unterhalten (Nordmann 2008, Bauman 2007).

Ob diese Verfahren indirekter Machtausübung und Präsenz im Kampf um die öffentliche Meinung noch funktionieren, zeigt sich in der derzeitigen Krise in den massenwirksamen Debatten, die sich im Kern um die Frage drehen, wer die System bedrohende Krise verursacht hat. Das wirtschaftsliberale Paradigma scheint zwar an Zustimmung und Überzeugungskraft – auch unter den bisher den Marktliberalismus tragenden Eliten – eingebüßt zu haben, aber bisher hat sich im Kampf gegen den Zusammenbruch des liberalen Wirtschaftssystems die Wirtschaftspolitik der westlichen Demokratien allenfalls stärker einem ordoliberalen Modell (Vgl. Foucault 2005), das mit keynesianischen Elementen recht wahllos gemischt wird, zugewandt, und es ist offensichtlich, dass sich die ideologische Krise des Marktliberalismus bisher nicht in neuen Machtverhältnissen oder gar in einem Austausch der Eliten niedergeschlagen hat (Maßstäbe für einen Austausch der Eliten bei Pareto 1916/1962).

Die maßgebende neoliberale Ideologie lebt im Kern vom Staat-Markt-Dualismus, der zwar in der gesellschaftlichen Realität nur in Ausnahmefällen existiert hat, aber eben so lange als reale Fiktion aufrecht erhalten werden konnte, wie der Staat nicht offensichtlich und mit keynesianischen Mitteln für die Kräfte eintrat, die der Markt begünstigt hatte. Als systemrelevant eingestuft, bekamen die Banken das zugestanden, was im Marktliberalismus konzeptionell nicht vorgesehen ist: Rettung durch den Staat vor den Ergebnissen des Marktes (u.a. Hayek 1960). Die Trennung zwischen Staat und Markt ist in einer Elitengesellschaft obsolet (Vgl. Hartmann 2004). Die Finanzkrise betraf einen Teil der Elite, der sich in erster Linie geld- und privatwirtschaftlich definierte, und mit seinem Untergang die mit ihm verbunden fühlende staatlich-politische Elite gleichfalls bedrohte. Aus dieser Logik heraus sind die Rede von der Systemrelevanz und die im Eiltempo und ohne nennenswerte demokratische Verfahren vollzogenen Rettungsaktionen zu verstehen. Systemrelevant waren die Banken nicht für die nichtelitären Teile der Bevölkerung, die im neoliberalen Denkstil als nicht leistungsfähige, marktferne und amorphe Masse wahrgenommen werden (Vgl. Hayek 1960 und die positive Rezeption von Ortega Y Gasset: Der Aufstand der Massen). Auch ging es genau besehen nicht um die Rettung des Kapitalismus. Gerettet wurde 2008 durch die Bankenrettung nicht der Kapitalismus sondern vielmehr eine spezifische neoliberale Macht- und Elitenkonstellation – mithin ein speziell ausdifferenziertes kapitalistisches Modell mit einer Ideologie und Praxis, die in die Krise geführt haben. Es ist falsch, Kapitalismus und ein neoliberales Marktsystem gleichzusetzen. Mit dem Neoliberalismus muss nicht der Kapitalismus enden, auch wenn die langjährige neoliberale Ignoranz sozialer Widersprüche Konstellationen auf den Plan rief, die eine marxistische Kritik wieder mehr plausibel erscheinen ließen. Die Diskussion hat sich allerdings noch nicht soweit von den Wurzeln emanzipiert, dass der Markt-Staat-Dualismus endgültig zu den Akten gelegt werden könnte (Vgl. Zizek 2008). So wird voraussichtlich an der nicht stichhaltigen Frage, ob der Staat oder der Markt schuldig ist, die Ursachendebatte geführt werden. Die Schwierigkeiten, überhaupt die eingefahrenen Muster zu verlassen, und substanzielle Alternativen zu formulieren, sind offensichtlich. Das übergeordnete Problem der derzeitigen Krise und der Überwindungsversuche liegen darin, dass eine Gesellschafts- und Elitenformation, die keine Alternativen zum bestehenden Wirtschaftssystem für denkbar hält, hoch dimensionierte Makroprobleme nicht lösen kann (Vgl. Nordmann 2008).

Der neue Liberalismus entstand nach dem Weltkrieg und formierte sich nach dem finalen Untergang des alten Liberalismus in der Weltwirtschaftskrise. Ludwig von Mises und John Maynard Keynes revidierten in den zwanziger Jahre von verschiedenen Seiten den alten Liberalismus und wandten sich gleichermaßen gegen die überkommenen Positionen im liberalen Lager wie auch gegen den neuen sozialistischen Feind, der in der Sowjetunion erstmals an die Macht gekommen war. Während Keynes in großer Nähe zu den englischen Regierungen Einfluss zu nehmen versuchte, und seine Pamphlete zunächst direkte Interventionen auf politische Ereignisse sind (Beispielhaft ist „Krieg und Frieden“, die Abrechnung mit dem Reparationssystem von Versailles, Keynes 1920), zeichnete sich bei kontinentalen Neuliberalen ein anderer Weg ab. Exemplarisch dafür ist der Weg von Ludwig von Mises. Er versuchte sich wissenschaftlich auf dem Boden der österreichischen Schule der Nationalökonomie mit der sowjetischen Planwirtschaft und den planwirtschaftlichen Ansätzen der westlichen Sozialisten auseinanderzusetzen. Er vermittelte in seinem Privatseminar in Wien ausgewählten jungen liberalen Ökonomen, die nach neuen Antworten nach Krieg und Revolutionen suchten, seine neuen Ideen. Zum wichtigsten Schüler und Mitstreiter avancierte dabei Friedrich August von Hayek, der unter den neoliberalen Intellektuellen sowohl theoretisch als auch organisatorisch in den kommenden Jahrzehnten zur Schlüsselfigur werden sollte. Während Keynes einen neuen Liberalismus und eine neue Form liberalen Wirtschaftens direkt in der Politik umsetzen wollte, forcierte die im Mises-Seminar formierte Ökonomenfraktion den neuen Liberalismus durch eine Ideologisierung der Wirtschaftstheorie respektive der österreichischen Schule der Wirtschaftstheorie (Mises 1922). Eine dritte Fraktion bildete sich in Chicago unter Frank Knight. Hier wurden allgemeine Freiheitsdiktionen essayistisch in den Vordergrund gestellt und auch hier folgte quasi in und nach der Wirtschaftskrise in der Gegnerschaft zum New Deal von Roosevelt eine Ideologisierung und Neudefinition liberaler Ansätze. Hieraus entwickelte sich dann, was mit der zentralen Figur Milton Friedmann als amerikanischer Neoliberalismus bezeichnet werden kann (Friedmann 1960). Die vierte Gruppe, die sich nachhaltig und schon mittelfristig erfolgreich um eine Neuformulierung des Liberalismus bemühte, war die ordoliberale Ökonomengruppe in Deutschland. Sie wurde vor allem getragen durch die spätere Freiburger Schule mit Walter Eucken, Franz Böhm und Leonard Miksch sowie den Ökonomen Alexander Rüstow uns Wilhelm Röpke. Eine Sonderrolle nahm Alfred Müller-Armack ein, der sich zunächst zum Nationalsozialismus bekannte, und in der Nachkriegszeit das erfolgreiche Schlagwort der „Sozialen Marktwirtschaft“ kreierte.

Es hat Vorteile, diese vormals vier, dann drei Säulen des Neoliberalismus zu kennzeichnen, auch wenn wiederum innerhalb der Schulen keineswegs homogene Vorstellungen anzutreffen waren, und die Lehrbuchthesen der jeweiligen Schulen zumeist langjährige kontroverse Findungsprozesse verdecken (Vgl. Walpen 2004). Würde man einem historischen Verfahren den Vorzug geben, das in Einheit von Raum, Zeit und Ort – anbieten würde sich zum Beispiel das Lippmann-Colloquium 1938 – einen Längsschnitt der intellektuellen Versuche, den Liberalismus zu retten und neu zu justieren, vornimmt, könnte man als Historiker eine durchaus verzweigte, großflächige Landkarte des frühen Neoliberalismus entwerfen (Vgl. Wegmann 2002). Was schon vor dem Krieg an Theorien, tagespolitischen Einwürfen, Beratungspapieren für Regierungen oder Zeitungsartikel in den einschlägigen Debatten kursierte, ergibt ein durchaus heterogenes Bild. Dennoch birgt ein Breitbandverfahren, das die Entwürfe nebeneinanderstellt, um die Heterogenität des neuen Liberalismus zu unterstreichen, nicht zu unterschätzende Tücken. Oft konnte man den Neoliberalismus als eine der einflussreichsten Strömungen des 20. Jahrhunderts bis zur Unkenntlichkeit verwischen, indem man darauf verwies, dass bei der unverbundenen Breite der theoretischen Entwürfe eine einheitliche Kraft im Hintergrund allenfalls verschwörungstheoretisch, nicht aber mit wissenschaftlichen Methoden zu fassen sei (Wegmann 2002). Die Veränderungen nach 1979 sind demnach mehr Produkt einer Hayek’schen spontanen Ordnung als eines bewussten Kampfes einer netzwerkartig verbundenen Elitenfraktion in den westlichen Demokratien, zumal in Großbritannien und den USA nach Thatcher und Reagan. Der Verweis auf Verschwörungstheorien erwies sich gerade in den akademischen Debatten als Totschlagargument, das naturgemäß auch durch manche Pauschalkritiken, die sich allzu sehr als Partei in aktuelle Diskussionen einmischten, gestärkt wurde. Aus Angst einer Verschwörungstheorie anzuhängen, die im Wissenschaftsbetrieb kaum auf Anerkennung hoffen durfte, verbaute sich allerdings ein Großteil der Sozialwissenschaften den Weg, den Kern der aktuellen Ideologie und das Neue in den gegenwärtigen Machtkonfigurationen wahrzunehmen (zu den Veränderungen der Sozialwissenschaft durch die neoliberalen Reformen der Hochschulpolitik und den Einfluss des ökonomischen Denkstils auf die Sozialwissenschaften, Klaus Steek 2008). Auch indirekte Machtmethoden und verdeckte Ideologiekerne können benannt werden.

Der Neoliberalismus ist also heterogen. Aber alle Ansätze können sich auf einen homogenen Kern einigen. Der liegt vor allem in der Ablehnung alternativer, nicht neoliberaler Theorien und der Verpflichtung auf den Markt als zentralen Motor wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts. Auch organisatorisch hat die heterogene liberale Gelehrtenwelt in der Mont-Pelerin-Society, einem global agierenden und sich als geistig-liberales Zentrum verstehenden Honoratiorenclub, eine Kernadresse, sodass von einem pluralistischen Nebeneinander der Ansätze nur dann gesprochen werden sollte, wenn die andere Seite der Medaille, die Verpflichtung auf einen gemeinsamen ideologisch-theoretischen und organisatorischen Kern, auch mit benannt wird. Ansonsten setzt man sich der Gefahr aus, die halbe Erkenntnis als volle Wahrheit zu nehmen. In diesem Sinn soll im Folgenden der Spagat versucht werden, den Neoliberalismus in seiner Breite zu beschreiben und ihn dabei immer konkret auf den gemeinsamen Kern hin zu analysieren. Die Art des Liberalismus, die sich in den dreißiger Jahren formierte und ab den Siebzigern den anderen neuen Liberalismus von John Maynard Keynes als leitendes Paradigma ablöste, soll als einheitlich fassbare ideologische und wirtschaftspolitische Strömung sichtbar sein.

Einem Problem hat sich die Darstellung des Neoliberalismus in jedem Fall zu stellen. Es ist prinzipiell kaum zu lösen und ganze Forschungsprogramme würde das Thema hergeben: Es ist die Kluft zwischen Theoriegeschichte respektive intellektueller Vorgeschichte und der direkten politischen Geschichte ab 1979/80. Einerseits kann man an der neoliberal-konservativ sich situierenden Bundesrepublik Deutschland 1948 bis 1955 und an dem Fall der Wirtschaftspolitik der Chicago Boys im diktatorischen Chile spätestens ab 1975 studieren, wie Ökonomen oder neoliberale Wirtschaftsexperten eine Wirtschaftspolitik implementieren und institutionell verankern. Zudem sind einfache theoretische Modelle wie Carl Schmitts Vorzimmer oder Vorhof der Macht, den es zu erobern gilt, deshalb zu beachten, weil neoliberale Ökonomen dieses Modell übernommen haben (Eucken, von Hayek). Aber man mag die Kluft theoretisch überbrücken, wie man will: eine Geschichte des Neoliberalismus zerfällt immer in zwei Teile. Der eine ist eine vornehmlich intellektuelle Geschichte und erzählt von Entstehung und Genese der neuen liberalen Ansätze nach erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise sowie von der Durchsetzung des Neoliberalismus innerhalb des liberalen Gelehrtenlagers. Die intellektuelle Geschichte des Neoliberalismus endet im Prinzip in den 1960er Jahren mit der theoretischen Entgrenzung des neoliberalen Projekts. Nach Hayeks „Spontaner Ordnung“ und dem „Markt als Entdeckungsverfahren“, Gary Beckers „Humankapital“ und Buchanans „Public Choice“ gab es keine nennenswerte Weiterentwicklung der neoliberalen Theorie.

Der zweite Teil hat dann den Aufstieg zu einem machtpolitisch wirksamen Konzept zum Thema. In der Krise des Wohlfahrtsstaates ab 1973 bietet sich der Neoliberalismus den bürgerlichen Eliten und den konservativen Parteien als einzige Alternative zum großen Nachkriegskompromiss an. Viel Geld fließt aus der Privatwirtschaft, die im Wohlfahrtsstaat nicht mehr die optimalen Gewinnmöglichkeiten verwirklicht sieht, weil der Boom abflaut. Auch regt sich in den wirtschaftlichen Eliten fast aller westlicher Länder Widerstand gegen hohe Löhne und die Macht der Gewerkschaften. Es gelang über Denkfabriken wie dem Jahrzehnte lang marginalen Institut of Economic Affairs (IEA) entscheidende konservative Fraktionen davon zu überzeugen, dass allein neoliberale Programme einen Ausweg aus der Krise des Wohlfahrtsstaates gewährleisten und noch dazu die bekämpften Gewerkschaften in ihrer Macht eingeschränkt werden würde. Die Neoliberalen um Keith Joseph, die sich mit der Kandidatin und Heath-Gegnerin Margaret Thatcher verbündeten, versprachen dem liberalen Bürgertum, den angestammten Platz in England wieder einzunehmen. Das Programm ist die eine Sache. Wie auch ein Jahr später bei der Reagan-Administration in den USA musste man allerdings verblüfft sein, wie nach relativ kurzer Regierungszeit eine Flut von Deregulierungen, Kürzungen der Sozialstaatsausgaben und Steuersenkungen für Kapital besitzende Klassen die Fundamente des krisengeschüttelten Wohlfahrtsstaat zum Einsturz brachte. Der Neoliberalismus schaffte es zwar nicht, die Probleme des Wohlfahrtsstaat zu lösen, aber das Verschwinden des Wohlfahrtsstaates und der Take Off der Kapital besitzenden Gruppen ließ sich als Sieg beschreiben, zumal von liberalen Medien in England und den USA. Die Kosten des Aufschwungs zahlten zwar die einkommensabhängigen und die auf Transferleistungen angewiesenen Gesellschaftsschichten, aber für die hatte das neoliberale Programm ohnehin neben maßregelnden Verhaltenslehren nur Gleichgültigkeit und Aversion übrig. In Bezug auf die Einschnitte am Sozialstaat und das Wachsen der sozialen Ungleichheit war dann von der berühmten ‚notwendigen Rosskur’ der Margret Thatcher die Rede. Mit der sozialen Verantwortung hatte sich das nunmehr neoliberal orientierte Lager der Besitzenden eines Großteils der Probleme entledigt, denen sich der Wohlfahrtsstaat überhaupt erst gestellt hatte. Für die eigene Klientel aber hat der Neoliberalismus der achtziger Jahre in den angelsächsischen Staaten tatsächlich keine Wünsche offen gelassen. Aus dieser Perspektive ist die Logik des Neoliberalismus als Erfolgsgeschichte durchaus nachvollziehbar. (Zu den sozialen Folgen des Neoliberalismus, Harvey 2007)

Theoretisch-ordnungspolitisch ist der Vorgang einigermaßen klar: Eine Krise, die auf Überregulierung zurückgeführt wird, muss mit Deregulierung beantwortet werden. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass die neoliberalen Ökonomen mit ihren wohl ausgestatteten Honoratiorenclubs und Denkfabriken in der öffentlichen Meinung im Prinzip nicht vorkamen. Sie waren mehr innerhalb der Eliten aktiv. So hatten sie auch in den Denkfabriken des amerikanischen Militärisch-industriellen Komplexes und in der republikanischen Partei traditionell ein gutes Standing. Bei den hauptsächlich atomare Kriegs- und Gesellschaftssituationen simulierenden Strategen um Herman Kahn spielte die ökonomische Spieltheorie von John von Neumann und Oskar Morgenstern eine herausragende Rolle (Robin 2009). Und die ausgedehnten Partizipationsmöglichkeiten über Gremien und Beratungskreise für Ministereien und Parlamente wurden von den neoliberalen Netzwerken schon früh als Möglichkeiten wahrgenommen, Keynesianer aus ihren Positionen zu drängen. Aber alles zusammengenommen war der Neoliberalismus auch in den 1970er Jahren noch nicht als das einflussreiche wirtschaftspolitische Paradigma zu erkennen, das ab den 1980er Jahren geradezu flächendeckend zu einem hegemonialen Denkstil westlicher Eliten avancieren sollte. Dennoch kam der Schwenk auf neoliberale Paradigmen nicht überraschend und der Liberalismus ist nicht wie Phoenix aus der Asche wiederauferstanden. Die neoliberale Fraktion, vor allem die Gelehrten, Politiker, Journalisten und Unternehmer, die in der MPS organisiert waren, war immer eine Fraktion der Eliten, die auch in keynesianisch ausgerichteten Zeiten über Einfluss und Posten verfügte. Wenn sie zuweilen marginalisiert war, dann innerhalb der Eliten. Die Distanz zur tatsächlichen Macht war nie so weit wie zum Beispiel bei denjenigen, die in sozialen Bewegungen auf der Straße gegen den Wohlfahrtsstaat opponierten, oder den verfassungsmäßigen Weg über Parteien und Parlamenten gesucht hatten.

Um nicht vorab auf falsche Gleise zu geraten, muss sich eine sozialwissenschaftliche Analyse einiger Besonderheiten des Phänomen Neoliberalismus bewusst sein. In den meisten Reden über den Neoliberalismus tritt ein definitorischer Streit in den Vordergrund, der sich um die Frage dreht, ob Neoliberalismus eine Ideologie, ein Denkstil, eine Gesellschaftsphilosophie, eine wirtschaftswissenschaftliche Schule oder ein Regierungsstil ist. Die Antwort ist relativ klar. Neoliberalismus ist alles in einem, am ehesten jedoch ein Denkstil, der sich den Feldern Wissenschaft, Politik, Medien und der Wirtschaft selbst mit spezifischen Konzepten und Redeweisen niederschlägt. Grundsätzlich ist die Definitionsfrage an die neoliberalen Gelehrten und oder Anhänger des Neoliberalismus zurück zu verweisen, weil sich eine Vielzahl der innerliberalen Debatten ohnehin um das eigene Selbstverständnis dreht. Und wie Neoliberalismus definiert wurde, hing nicht zuletzt von der jeweiligen historischen Situation und den jeweiligen wirtschaftspolitischen Konstellationen ab.

Epoche machte der Begriff Neoliberalismus durch die sogenannten „konservativen Revolutionen“ (Geppert) in Großbritannien ab 1979 unter Margret Thatcher und in den USA ab 1980 unter Ronald Reagan. Diese beiden Regierungen blieben abgesehen von den beiden vorherigen Episoden (die gleichsam als Sonderfälle zu betrachten sind, dem Chile unter Pinochet und dem Aufbau in Westdeutschland von 1948 bis 1955 unter Zuhilfenahme ordoliberaler Ansätze) lange Zeit die einzigen Administrationen, die mit offenen Visier und kompromisslos nichts weniger als eine neoliberale Revolution in die Tat umsetzen wollten. Mit dem Erfolg und der Ausdehnung der neoliberalen Wirtschaftspolitik zu einem globalen Paradigma wurde die propagandistische Performance zunehmend indirekter. Die neoliberale Strategie setzte sich als Sachzwang bis in die Programme sozialdemokratischer Parteien durch, aber der Begriff selber blieb bei den Praktiker der einschlägigen Wirtschaftspolitik verweist, sodass er nach und nach ein Schlagwort der Kritiker der aktuellen Wirtschaftspolitik werden konnte und inzwischen eindeutig negativ konnotiert ist. Aber um ein Richtmaß zu haben, sei hier noch einmal der Kern des Neoliberalismus seit Thatcher und Reagan kurz zusammengefasst, auch wenn aus oben beschriebenen Gründen Definitionen nur mit Vorbehalt zu genießen sind: „Neoliberalismus ist … die gängige wirtschaftspolitische Ideologie und Praxis, die einseitig auf den Mechanismus eines selbstregulierenden Marktes setzt, und möglichst viele Produktions-, Reproduktions- und Sozialprozesse über den Markt abwickeln will. Dieser Markt wird im Neoliberalismus als ein einziger Freiheitsraum gedacht, in dem Wissens- und Entdeckungsprozesse stattfinden. Er ist laut Hayek ein von spontaner Ordnung geleitetes Entdeckungsverfahren, ein Geschicklichkeits- und Glücksspiel. Der Neoliberalismus fordert durchgehend, das als ökonomisch optimal angesehene Marktprinzip über die Wirtschaft hinaus auszudehnen.“ (Nordmann 2005)

Letzteres erforderte eine ständige Erweiterung der Theorie, um das Marktprinzip für marktferne Felder gesellschaftlicher Reproduktion plausibel und notwendig erscheinen zu lassen. Nach den einschlägigen Reformen, die meist mit einem Tempo durchgesetzt wurden, die alte Strukturen zur irreversiblen Erosion zwangen, ist der neoliberale Denkstil in fast allen gesellschaftspolitisch relevanten Diskursen zumindest bruchstückhaft vorzufinden. Dennoch hat der Neoliberalismus – hierin dem Keynesianismus ähnlich – zu keinem Zeitpunkt eine politische Massenbewegung hervorgebracht, was bei den antidemokratischen Vorbehalten gegen die Kraft der Masse an sich und der Unterordnung der Demokratie unter den Markt auch nicht sonderlich verwunderlich ist. Der Neoliberalismus erzeugte keine Großparteien, die in einen verfassungsgemäßen Wettbewerb um die Macht mit anderen Parteien getreten wären. Selbst die Parteien Reagans und Thatchers definierten sich nicht als genuin neoliberale Parteien. Der strategische Ansatzpunkt des Neoliberalismus war zunächst allein die intellektuelle Beeinflussung bestehender liberaler und konservativer Eliten in den westlichen Gesellschaften. Über Berater und neoliberale Programme entwerfende Think-Tanks gelangte dieser Neoliberalismus in Washington und London in die Machtzentren. Die Macht wurde nicht direkt von den neoliberalen Ökonomen und Programmatikern ausgeübt. Der Neoliberalismus ist am ehesten über einen Gürtel von Hofsoziologen und wirtschaftswissenschaftlichen Beratern sichtbar zu machen. Dieser Beratungsspeckgürtel ist wiederum mit einem Netz von Denkfabriken, Universitäten und Instituten verbunden, in denen zum Teil die Programme entworfen und die Kampagnen lanciert werden. Der Neoliberalismus hat mit dieser Fixierung auf indirekte Praktiken sicher am besten auf die zunehmende Dezentralisierung der Macht in den wichtigsten westlichen Ländern reagiert. Die Schwierigkeit der Lokalisierung im Machtgefüge hat zur Folge, dass man mit der klassischen Fokussierung auf politische Bewegungen und Parteien, die zur Analyse des alten Liberalismus, des modernen Konservativismus und des Sozialismus unerlässlich ist, zu dem Befund käme, dass es den Neoliberalismus gar nicht gibt. Man muss also die neue indirekte Lagerung der Macht für die Analyse in Rechnung stellen und deshalb auf interdisziplinäre Methoden wie Diskurs- oder Netzwerkanalysen zurückgreifen.

Historisch war der Begriff Neoliberalismus ständigen Wandlungen unterworfen. Die wirtschaftspolitischen Anwendungen spielten trotz Wirtschaftskrise und intervenierender Texte  in der Frühphase eine untergeordnete Rolle. Der Begriff zirkulierte in der Begründungsphase in Intellektuellenkreisen, meist noch dazu im engen Rahmen der Wirtschaftswissenschaft. Fast vergessen ist, dass er anfangs eine mehr sozial-liberale Gegenwelt zu totalitären Gesellschaftssystemen beschreiben sollte. Unterschiedlich Gruppierungen hatten sich den Begriff angeeignet. So ist immer wider darauf zu verweisen, dass die wirtschaftspolitischen Programme von Keynes in den 1920er und noch in den 1930er Jahren nicht selten unter dem Begriff Neoliberalismus diskutiert wurden. Durchgesetzt hat sich der Begriff für die drei oben benannten Strömungen, die sich ab den dreißiger Jahren gerade im Kampf gegen die vierte und erfolgreichste Variante des neuen Liberalismus, eben die Schule von John Maynard Keynes, zusammenfanden und diesen dann folgerichtig aus dem Spektrum dessen, was als Neoliberalismus bezeichnet wurde, ausgrenzten. Mehr noch, Keynes wurde gerade von Hayek und Mises dem gegnerischen sozialistischen Lager zugeschlagen. Im engen wirtschaftswissenschaftlichen Kontext hat der verbliebene Neoliberalismus damit in der österreichischen Schule der Nationalökonomie seine wichtigsten Vorläufer und Stichwortgeber. Allerdings fehlt bei Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser ein primär bestimmendes ideologisches Moment. Gerade von Wieser zeigte sich immer wieder offen gegenüber sozialwissenschaftlichen und kollektivistischen Ansätzen. Aber die Installierung eines abstrakten Marktsystems, die gerade Menger in eine Reihe mit den Gleichgewichtstheoretikern Walras und Jevons stellt, modernisierte noch einmal den alten konstituierenden Marktliberalismus von Adam Smith und David Ricardo. Gerade die Grenznutzenlehre führte die Markttheorie in wolkige Höhen und entzog das soziale Problem der konstruktivistisch anmutenden Markttheorie, die sich auf der anderen Seite in exemplarischen Debatten gegen den zumindest vom Ansatz her konkreteren wirtschaftsgeschichtlichen deutschen Ansatz  in langjährigen Debatten zu behaupten hatte. Aus dem Theorienkomplex der Gleichgewichtstheoretiker und der österreichischen Schule übernahm der Neoliberalismus die Vorgaben bezüglich des Preismechanismus und den Markt konstituierende Knappheitsprinzip.

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