Manifest

Das Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft wurde an der Johannes-Kepler-Universität Linz fast genau ein Jahr nach dem Absturz der Finanzwirtschaft im Herbst 2009 gegründet. Die Untersuchung der Ursachen der Rezession stellt einen Forschungsschwerpunkt dar. Das Institut will dabei über die gängige Wirtschaftsbeobachtung und eine rein empirische Untersuchung der Wirtschaft hinausgehen. Bevorzugt werden interdisziplinäre Forschungsansätze, die Wirtschaft als Ganzes soll wieder in das Beziehungsgeflecht zwischen den gesellschaftlichen Feldern Wissenschaft, Politik und Medien eingebettet werden. Anregungen dazu sollen in einer ‚Sozialökonomik’ in der Tradition von Max Weber, Joseph A. Schumpeter oder Otto Neurath sowie im weiten Feld heterodoxer Theorieansätze der Ökonomie, des weiteren im dogmenhistorischen Feld, auf dem Gebiet neuerer soziologischer Ansätze, Ansätzen der Wissenschaftssoziologie und der Netzwerkanalyse  gefunden werden. Das Institut begreift die Ökonomie als eine Sozialwissenschaft mit den entsprechenden makroökonomischen und soziologischen Grundlagen. Der Vorstellung, dass Marktprozesse „natürliche“ Ordnungen abbilden und wie „Naturgesetze“ oder ähnlich diesen zu fassen sind, wird axiomatisch widersprochen.

In dieser Ausrichtung wird der Mainstream der ökonomischen Theorie der vergangenen drei Jahrzehnte bewusst in Frage gestellt. Er war gekennzeichnet durch die neoliberale Abkehr von genuin makroökonomischen Betrachtungen, welche durch makroökonomische Analysen mit mikroökonomischer Fundierung und Modellierung ersetzt wurden. Diesen wird auch ein Einfluss auf die Entstehungsbedingungen der Krise zugeschrieben, diese wird auch als eine Krise der ökonomischen Theorie begriffen.

Das Institut wendet sich grundsätzlich gegen die dogmatische Vorstellung, dass Märkte per se effizient und Finanzmärkte a priori rational sind. Zugleich wird der gängige Markt-Staat-Dualismus in Frage gestellt, um den Diskurs hinsichtlich des Weges zu einer neuen Ordnungspolitik nicht künstlich einzuengen. Mit der Präferenz für heterodoxe Ansätze und Diskursanalysen der ökonomischen Theorie will das Institut einen Beitrag zur Stärkung des Pluralismus in der Wirtschaftswissenschaft leisten. Es will sich an der Debatte beteiligen, welche neue Weltwirtschaftsordnung nach der Krise eine stabileres Wirtschaften ermöglicht, und welche Wirtschaftsordnung die Kapazität hat, sowohl die Makroprobleme der Ökonomie als auch die ungelösten virulenten, mit der Ökonomie verbundenen Probleme – wie zum Beispiel die Veränderung des Klimas, die Reichtumsverteilung, die mangelnde demokratischen Partizipation und die Kriegsproblematik – einer Lösung näher zu bringen.

Insofern verfolgt das Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft den Anspruch, sich über die Forschung und den rein wissenschaftlichen Diskurs hinaus in die gesellschaftspolitisch relevanten Debatten einzumischen. Es steht für eine Wissenschaft, deren Wert sich auch an einem – wenn auch schwer messbaren – gesellschaftlichen Nutzen bemisst. Dabei versteht das Institut seine Arbeit als überparteilichen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher, politischer, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme und bekennt sich ausdrücklich zu einem Theorien- und Methodenpluralismus. Das Institut verfolgt einen kritischen Ansatz, der keiner Ideologie verpflichtet ist. Es ist betont offen ausgerichtet und möchte Diskussionsräume erweitern sowie Türen für alternative Theorien öffnen.

Die ökonomische Forschung des Instituts stellt Wirtschaftssysteme als Ganzes auf den Prüfstand und unternimmt mit interdisziplinären Methoden den Versuch, die Grenzen eines Systems sowie intendierte und nichtintendierte Auswirkungen von wirtschaftlichen Funktionssystemen kenntlich zu machen. Dabei soll auch dargestellt werden, wie Wirtschaftssysteme reflexiv auf Gesellschaften wirken. Bei der Analyse der Handlungs- und Wirkungszusammenhänge von Systemen sollen möglichst viele Faktoren in Beziehung gesetzt werden. Das Institut stellt sich den Anspruch, Wirtschaft möglichst umfassend und grundsätzlich zu untersuchen. Bei den Forschungen soll der Zusammenhang mit dem Ganzen und der Bezug auf den Kern eines Systems berücksichtigt werden. Das Institut will die historische Perspektive auf ökonomische Systeme und Theorien stärken und vergleichende Studien unternehmen und fördern. Wirtschaftssysteme sollen in ihrer Abhängigkeit von der Zeit analysiert werden. Muster für Verlaufsgeschichten könnten sein: die Implementierung von neuen Handlungs- und Beziehungsgefügen in Startphasen, die erfolgreiche Bekämpfung von Alternativen auf dem Scheitelpunkt, das Ausleiern und die Erstarrung von Funktionssystemen sowie der finale Übergang in Schwäche- und Implosionsprozessen. Es soll untersucht werden, welche Konstellationen und Bedingungen erfüllt sein müssen, um ein Wirtschaftssystem durchzusetzen, und an welcher Stelle Störfaktoren labile Systeme zum Kippen bringen.

Die soziologische Seite der Forschung kann zeigen, welche gesellschaftlichen Gruppen agieren und wer an einem Wirtschaftsprozess beteiligt wird und wer nicht. Mit der Analyse der jeweiligen Ideologie soll berücksichtigt werden, welche Gruppe eigene Interessen verallgemeinert – zum Beispiel, wer den Begriff „der Markt“ oder „die Freiheit“ für sich in Anspruch nehmen kann, und welche Gruppen von wirtschaftstheoretischen Ansätzen in der Praxis begünstigt werden. Dabei soll immer von einer Verschränkung der Kräfte der handelnden Gruppen und von einem multiplen Machtgefüge ausgegangen werden. Auch in Wirtschaftssystemen soll unabhängig von der Frage der politischen Ökonomie die Lagerung der Macht untersucht werden. Abschließend kann im Idealfall fundiert prognostiziert werden, inwieweit aktuelle Systeme in der Lage sind, Aufgaben und Probleme zu bewältigen, und inwieweit ein Aufschub von Problemen die Grenzen von Planen und Handeln irreversibel verengen kann.

Das Institut stellt sich die Aufgabe, die aktuelle Krise grundsätzlich zu erforschen. Dazu gehört auch eine Analyse der Krisendebatte selbst. Bewusst wird gegen den Strich gefragt: Warum kommt die aktuelle Krise erst jetzt? Ist der Neoliberalismus eine Krisentheorie? Haben Staat und Markt gemeinsam versagt? Dauert die Rezession deshalb so lang, weil bisher keine innovative politische und wirtschaftliche Alternative auf den Plan getreten ist? Warum unterliegen Eliten, die in die Krise geführt haben, keinem demokratischen Austauschprozess? Zudem ist ein besonderer Fokus auf frühere Krisen des Kapitalismus und ihre Bewältigung zu legen, um konkret und nachhaltig vor einer Wiederholung von Fehlern warnen zu können.

Ein Forschungsbereich ist die „Geschichte des Neoliberalismus“. Mit einer Historisierung der neoliberalen Epoche kann der Begriff der direkten politischen Kontroverse enthoben werden, um in vornehmlich historischer Perspektive eine der bedeutendsten Wirtschaft- und Gesellschaftskonzeptionen des 20. Jahrhundert zu beschreiben und die Epoche gleichsam historisch einzuordnen. Dieser Ansatz geht davon aus, dass neoliberale Modelle durch die weltweite Rezession zumindest mittelfristig ihre Stellung als leitendes Paradigma einbüßen könnten. Das würde eine neue Epocheneinteilung ermöglichen. Der politischen Einteilung, das 20. Jahrhundert als kurzes Jahrhundert von 1914 bis 1989 zu beschreiben (Hobsbawm), wäre eine wirtschaftspolitische Epocheneinteilung von 1929 bis 2008 an die Seite zu stellen. Sofern nicht die Lehren von John Maynard Keynes den Ordo- und den radikalen Neoliberalismus beerben, wird wirtschaftspolitisch das Zeitalter enden, das von den Konzeptionen der 1930er Jahre bestimmt ist. Ziel des Projektes ist, die Epoche als Ganzes aus der Perspektive der Entstehung und Genese des Neoliberalismus darzustellen.

Ein weiterer Forschungsbereich ist die Analyse des gesellschaftlichen Bereiches Wissenschaft als Sozialkorpus, hier vor allem der Bereich der Ökonomie. Aus dieser Perspektive wird grundsätzlich nach dem Entstehen, den Dynamiken sowie dem Wirken der Ökonomie als Wissenschaft gefragt. Im Detail sind gerade bezüglich der Erfahrungen zur Finanzkrise solch Fragen zu analysieren wie die nach den Ursachen für eine derzeit vorzufindende relativ monolithische Denkausrichtung der Ökonomen. In diesem Kontext ist zu fragen nach Reproduktions- und Reflexionsmustern innerhalb der ökonomischen Wissensproduktion mit ihren Exklusions- und Inklusionsmechanismen sowie nach der Wirkung und dem Einfluss spezifischen Wissens von Ökonomen auf die Wirtschaft und Gesellschaft. In Anlehnung an die jüngeren Arbeiten aus dem Bereich der „performativity of economics” geht es dabei nicht nur um die Hinterfragung der Rolle der Ökonomen als Produzenten neuen Wissens (wie gerade im Finanzbereich schon mit den nach Ökonomen benannten Instrumenten wie z. B. dem „Black-Scholes-Merton-Modell“ deutlich wird), sondern gerade auch um die Rolle der Ökonomen als Reproduzenten von schon vorhandenem Wissen (Lehrbücher, universitäre Lehre) bis hin zur Erzeugung von Überzeugungswissen (Analogien, Metaphern, Vergleiche).

Das Institut veröffentlicht Monographien und strebt eine eigene Zeitschrift an. Es verfolgt eigene Forschungsprojekte und beteiligt sich an nationalen und internationalen Projekten. Es veranstaltet Tagungen, Vortragsreihen, Konferenzen und Akademien.

(Stand 01.07.2010)

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