Bericht von Thomas Gegenhuber, Österreichische Hochschülerschaft Linz, über die Tagung.
„Gesellschaft! Welche Gesellschaft?“ war das Thema der diesjährigen Tagung des Instituts für die Gesamtanalyse der Wirtschaft an der Johannes Kepler Universität. Auch heuer ist es wieder gelungen ein interessantes und abwechslungsreiches Programm zu gestalten.
„Das marktradikale und neoliberale Denken und die Netzwerke die diese konstruieren sind nicht geschwächt sondern gestärkt aus der Krise hervorgegangen,“ meint Walter Ötsch, Leiter des Instituts für die Gesamtanalyse der Wirtschaft. Für ihn hat die Politik kurzfristig gut auf die Krise reagiert. Jedoch hinsichtlich der langfristigen Problemlösung ist die Politik gelähmt, ihr ist der Atem ausgegangen.
Keine Vision
Noch im November 2008 sprachen die Regierungen nach dem Ausbruch der Krise von umfassenden Regulierungen. Bereits in den ersten Monaten des Jahres 2009 wurden diese Reformen von Monat für Monat verwässert. Der Befund heute: „Die Politik gibt uns keine Erklärung über die Krise, keine Vision darüber wie man diese in Zukunft verhindern könnte,“ konstatiert Ötsch. Aber auch die Medien versagen im Diskurs. Was kommt jetzt kommt ist ein massiver Angriff auf den Europäischen Sozialstaat. „Die Offshore-Ökonomie, Steueroasen und die höhere Konzentration im Bankensektor stehen nicht auf der Tagesordnung,“ meint Ötsch. Es sei pervers, dass die Banken vom Staat Geld bekommen haben jetzt gegen den Staat vorgehen und die Last auf die SteuerzahlerInnen verschieben.
Handlanger der Banken
Angesichts der Krise meint der deutsche Politikwissenschafter Frank Deppe, dass das 20. Jahrhundert brachte viele Hoffnungen hervor brachte, aber es zerstörte auch viele Visionen und Ideale. Die großen Utopien haben an Bedeutung verloren. Globalisierung, Neo-Liberalismus, Entgrenzung zur Natur, ein Auseinanderklaffen zwischen Real- und Finanzökonomie sind ungelöste Problemfelder. Logische Konsequenz aus einer finanz- und ökologischen Krise ist eine politische Krise. Er verweist auf skeptische Denker und meint: „Wenn alte Sicherheiten verschwinden und Lebensentwürfe zerstört werden sollten wir uns auf das Schlimmste vorbereiten.“
Eine zentrale Frage ist daher welchen Staat eine Gesellschaft braucht. Nach der Krise wurde wieder laut nach dem Staat gerufen und viele sprachen von der Rückkehr des „Master Keynes“ aus dem ökonomischen Exil. „Aber ist die Rückkehr des Staates nur dazu da, um die Finanz zu retten?“ fragt sich Deppe. Die Wirtschaftseliten haben immer noch direkten Zugriff auf den Staat. Es braucht einen Kampf darüber, wohin sich der Staat transformieren soll. „Soll der Staat ein Handlanger des Finanzkapitals oder ein Garant für soziale Gerechtigkeit sein?,“ fragt Deppe.
Packen wir die Wurzel des Übels und trocknen sie aus
Der Philosoph und Ökonom Karl-Heinz Brodbeck meint, dass die Grundlagen wie eine Gesellschaft strukturiert ist von den Denkformen abhängt. Brodbeck weist auf die zwei Kernebenen hin, mit denen sich eine Gesellschaft organisiert. Die kommunikative Ebene beinhaltet zum Beispiel, dass wir ein Gespräch führen wenn wir etwas tauschen. Zweitens, die Rechenebene, bei der wir uns fragen stellen „Zahl sich das aus?“. Die Rechenebene dominiert uns denken. Die Kommodifizierung aller Lebensbereiche auch außerhalb des Marktgeschehens hat dazu beigetragen.
Die Bibel und Platon haben eine skeptische Haltung zum Geld: „Geld ist das Wurzel alles Übels, deshalb müssen wir sie austrocknen,“ fasst Brodbeck die kritischen Stimmen zusammen. Die Frage ist nun: Kann das Geld abgeschafft werden? Der größte praktische Versuch in der jüngeren Geschichte der Menschheit war die Oktoberrevolution in Russland. Jedoch begingen Lenin, Marx & Co einen Denkfehler. „Geld ist ein historisches Novum, ein originäres Phänomen, dass nur an sich selbst verständlich ist,“ erklärt Brodbeck. An Stelle des Geldes als Instrument trat eine militärisch orientierte Kommandowirtschaft. „Die Herrschaft des Geldes wurde durch eine andere ersetzt. Der Zentralplan diktierte was zu produzieren ist. Das war für die kommunistische Elite nichts negatives,“ führt Brodbeck aus. Schließlich wurde dennoch eine abstrakte Werteinheit benötigt („Sozialistisches Wertgesetz“) und es wurden zusehends Modelle aus der bürgerlichen Ökonomie übernommen.
Welche Lehren können aus diesem Beispiel gezogen werden? „Geld ist eine kollektive Illusion die funktioniert. Geld ist performativ – es existiert nur, weil wir daran glauben. Jedoch wird mit seiner Funktion Missbrauch betrieben, da ständig am Geldwert herumgespielt wird,“ sagt Brodbeck. Das Erstarken des Gold- und Silberpreises sei ein Indiz dafür, dass bereits eine Vertrauenskrise herrscht. „Geld durch eine Kommandowirtschaft zu ersetzen kann nicht das Ziel sein. Auch das jetzige System wird auf Dauer nicht funktionieren. Ich kann ihnen kein Patentrezept geben was dann kommt. Ich glaube jedoch an das kreative Potential der Menschen sich andere Organisationsformen der Vergesellschaftlichung einfallen zu lassen,“ schließt Brodbeck.









