das Buch
Inhaltsverzeichnis
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Einleitung |
9
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| Kap. 1: Die gespaltene Welt |
19
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| Kap. 2: MARKT und Propaganda |
35
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| Kap. 3: Das Ideal-Bild DES MARKTES |
105
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| Kap. 4: Die Automaten-Wesen DES MARKTES |
145
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| Kap. 5: Das Phantom-Bild der Unternehmung |
189
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| Kap. 6: Märchen-Theorie DES MARKTES |
225
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| Kap. 7: Die Praxis DES MARKTES |
289
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| Anmerkungen |
335
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| Liste der Muster der marktradikalen Propaganda |
401
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| Literaturverzeichnis |
413
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| Personenindex |
443
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| Sachindex |
447
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Klappentext
Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist auch die Krise einer Denkweise: des Glaubens an DEN freien und ungehinderten MARKT, der sich selbst steuern und „effiziente“ Resultate zum Wohle aller hervorbringen würde.
Dieser Glaube war die Grundüberzeugung von Eliten in Wirtschaft und Politik. Er wurde von den meisten Ökonomen und Ökonominnen aktiv getragen und – vor allem durch die Lehrbücher der Mikroökonomie – weltweit propagiert.
Aber ihr Konzept von DEM MARKT ist ein Propaganda-Begriff – trotz seiner wissenschaftlichen Formulierung – und kann als solcher exakt analysiert werden:
- geschichtlich, indem die Hintergründe ihrer Entstehung erhellt werden,
- inhaltlich, indem ihre Mängel in einem kohärenten Rahmen (mit 143 Mustern) dargestellt und systematisch mit ihrer Propaganda-Absicht verbunden werden, und
- diskursiv, in dem ihre auf Wirkungen im wirtschaftpolitischen Diskurs aufmerksam gemacht werden.
Walter Otto Ötsch zeigt:
- dass das Konzept DES MARKTES ein Mythos ist, weil er auf unzulässigen Kategorien beruht,
- dass seine wichtigste Theorie (die allgemeine Gleichgewichtstheorie) wissenschaftlich wertlos ist, und
- welche Auswirkungen das Reden von DEM globalen MARKT im politischen Diskurs gehabt hat (und immer noch hat).
„Mein Ziel ist es, kritischen Personen viele Argumente zu liefern, mit dem sie dem vermeintlich wissenschaftlichen Reden von DEM MARKT Paroli bieten können. Die Zeit ist überreif, den Spieß umzudrehen und allen offensiv gegenüberzutreten, die immer noch mit DEM MARKT argumentieren.“
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Textprobe: Einleitung
Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist auch die Krise einer Denkweise: des Glaubens an DEN freien MARKT. DER MARKT, so war früher andauernd zu hören, sei die beste aller Wirtschaftsformen. Er sei effizient und würde, wenn man ihn unbehindert werken lasse, die optimalsten Ergebnisse zum Wohle aller hervorbringen.
Der Glaube an DEN freien MARKT hat die Welt jahrzehntelang beherrscht. Er war die Leitideologie einer Kultur, die in eine globale Krise geschlittert ist. Die politischen und ökonomischen Eliten und die meisten Medien waren von ihm erfüllt. Andauernd wurden die Segnungen eines ungebremsten MARKTES verkündet, Privatisierung und Deregulierung gefordert, private Pensionssysteme gepriesen, der Abbau des Sozialstaates begrüßt und weltweit „freier“ Handel und „freier“ Kapitalverkehr durchgesetzt. Im Glauben an DEN MARKT konnte das Finanzsystem ungezügelt wachsen und der Kapitalismus sich zu einem Finanz- oder Renditen-Kapitalismus wandeln. Der Glaube an DEN MARKT war die große Ideologie jener Phase des Kapitalismus, die zu einem jähen Ende gekommen ist. Um sie zu verstehen, müssen wir das Konzept DES MARKTES verstehen, es soll in diesem Buch umfassend erklärt werden.
Der Glaube an DEN MARKT war viele Jahre lang unmittelbar wirkungsmächtig. Wir – so wurde uns gesagt – hätten uns den Regeln und Zwängen DES globalen MARKTES zu unterwerfen. Im Namen DES MARKTES wurden sinkende Löhne, steigende Armut, explodierender Reichtum, schlechtere Arbeitsbedingungen und minderwertigere Umwelt als „Sachzwänge“ verkauft. Sie seien die Folgen der Globalisierung, die wie ein Naturereignis über uns eingebrochen sei und gegen die man nichts unternehmen könnte. Auch die Politik habe sich dieser Gewalt zu beugen, niemand könne sich den Zwängen DES globalen MARKTES entziehen.
Aber DER MARKT war und ist nicht nur eine Realität, wie fest er erscheinen und mit welchen Macht-Mitteln er daherkommen mag. Er ist auch eine Denkfigur, eine mentales Gebilde, ein Begriff in den Köpfen. DER MARKT ist ein Konzept, das zahlreiche Vorgänge auf eigene Weise ordnet und erklärt. Wörter und Begriffe transportieren Vorstellungen und innere Bilder. Hinter dem Reden von DEM MARKT steht ein kraftvolles Bild: die Vorstellung DES MARKTES als eines Prozesses, einer Instanz, eines Mechanismus, einer Über-Person, … , die sich über alle erhebt und wie eine Autorität über uns schwebt.
Aussagen wie diese transportieren das Bild einer höheren Macht, wir mussten sie jahrzehntelang hören:
- „Niemand kann sich den Kräften des Marktes entziehen.“
- „Wir müssen uns den Regeln des Marktes unterwerfen.“
- „Der Markt belohnt die Tüchtigen.“
- „Nur der Markt bestimmt die Hochschulqualität.“
- „Den Gesetzen des Marktes entrinnt niemand.“
- „Wir müssen dem Markt Opfer bringen.“
- „Die Mechanismen des Marktes gelten weltweit.“
- „Die Logik des Marktes verlangt, dass wir…“
- „Der Markt ist die wahre Demokratie.“
- „Wir müssen das Haus unserer Gesellschaft immer wieder umbauen, wie der Markt uns befiehlt.“
- „Wir können den Selbstheilungskräften des Marktes vertrauen.“
- „Wenn wir uns nicht anpassen, dann wird es der Marktt tun, – auf eine Weise, die uns vielleicht nicht gefallen mag.“
Fast alle haben solche Sätze für bare Münze genommen. Sie geben – so glaubten sie – über die Wirtschaft Auskunft. Ihre Urheber redeten nicht über eine Theorie (die wie jede bestreitbar ist), sondern über Fakten und Tatsachen. Wer solchen Aussagen für wahr hält, bei dem hat sich das Denk-Konzept DES MARKTES verfestigt: DER MARKT ist zur Realität geronnen. Anschauungen dieser Art, die auf dem Bild DES MARKTES als einer übergeordneten Instanz basieren, in der „die Politik“ nicht eingreifen könne oder solle, nenne ich MARKT-Glauben. Personen, die diese Ansichten vertreten, bezeichne ich als MARKT-Gläubige. Dieses Buch handelt von dem Glauben an DEN MARKT und seiner Bedeutung für unsere Kultur.
Die Vorstellung von DEM MARKT formt den Blick auf die Wirtschaft. Er blendet manches ein und vieles aus. DER MARKT wirkt wie eine kollektive Brille, welche die Aufmerksamkeit lenkt. Sie erschafft eine eigene Suggestion, eine künstliche Welt, an der die Eliten immer noch festhalten. In dieser Welt wurde ein riesiges Kartenhaus von Finanztiteln errichtet, die heute Angst und Schrecken verbreiten. Der Kapitalismus ist zum Kasino verkommen und niemand weiß, wer morgen die Nutznießer oder Verlierer des globalen Spiels sein werden. Jetzt sind alle Länder bedroht, eine globale Rezession ist entstanden und viele hoffen, dass es gelingt, das weltweite Glücksspiel zu zähmen und eine neue Architektur über die Märkte zu errichten.
Dieses Buch wurde im Sommer 2007 begonnen und zum Großteil im Sommer 2008 fertig gestellt. Die Krise seit dem September 2008 verleiht ihm eine Aktualität, die mich erschreckt. Aber jede Krise birgt eine Hoffnung: dass es uns gelingt, sich des Irrtums des Glaubens an DEN MARKT bewusst zu werden, neue Formen des politischen Diskurses zu erfinden und eine Debatte über die Zukunft der Wirtschaft zu starten. Wir brauchen einen neuen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.
Aber vor dem Neuen muss eine Kritik des Alten kommen. DER MARKT, das will ich zeigen, ist ein Propaganda-Begriff. Er wurde, obwohl und weil er in wissenschaftlichem Gewand daherkommt, von Kreisen erfunden und gefördert, denen die Propaganda DES MARKTES ein Anliegen war. Wir wollen beschreiben,
- vor welchem Hintergrund die Theorien DES MARKTES entstanden sind,
- auf welchem schwachen Fundament sie ruhen und dass ihre Mängel aus der Propaganda-Absicht verständlich werden, und
- wie der Begriff DES MARKTES im Diskurs verwendet worden ist und welche politischen und sozialen Wirkungen damit verbunden sind, – auch unabhängig von den Auswirkungen der Krise heute.
Der Begriff DER MARKT wird in diesem Buch als ideologischer Kampfbegriff verstanden, der zu manipulativen Zwecken erschaffen worden ist und als solcher immer noch verwendet wird. DER MARKT ist ein Propaganda-Begriff und kann als solcher exakt analysiert werden. Er weist auf eine fiktive Wirtschaft ohne empirischen Beleg. Was der Ausdruck DER MARKT besagen will, ist in der Realität nicht vorhanden ist. Es gibt keinen MARKT, ihn kann und wird es niemals geben. Aus diesem Grund wird der Ausdruck DER MARKT in diesem Buch immer in Großbuchstaben gesetzt. Ich will einen Anstoß geben, dem Denken in diesem Begriff ein Ende zu setzen.
Der Begriff DER MARKT wurde in der ökonomischen Theorie erfunden. Die große Erzählung von den segensreichen Folgen DES freien MARKTES beherrscht die Ökonomen, – Frauen sind auf diesem Gebiet immer noch spärlich vertreten. Fast alle Ökonomen argumentieren mit DEM MARKT und vertreten marktradikale Standpunkte. Keiner von ihnen hat eine globale Krise für möglich gehalten. Im Glauben an DEN MARKT wurden alle Anzeichen übersehen und die wenigen Kritiker als Schwätzer abgetan.
Die wichtigste ökonomische Theorie mit der größten Breitenwirkung ist die neoklassische Mikroökonomie. Ihr Kern heißt allgemeine Gleichgewichtstheorie, – ein kompliziertes mathematisches Modell. Sein stärkster Einfluss geht über die Lehrbücher der Mikroökonomie. Sie haben weltweit fast überall den gleichen Inhalt. Nahezu alle, die eine höhere Ausbildung im breiten Feld der Wirtschaft erhalten, bekommen in ein oder mehreren Kursen die Grundzüge dieser Theorie vermittelt. Die wirtschaftliche Elite der ganzen Welt lernte und lernt mit ihrer Hilfe marktradikal zu denken.
In den Kapitel 3 bis 6 wird der Kern dieses Modells dargestellt. Ich werde zeigen, welche Schwachstellen jeder wichtige Begriff besitzt und wie dürftig die Schlussfolgerungen sind. Mein Ziel ist es, kritischen Personen viele Argumente zu liefern, mit dem sie dem vermeintlich wissenschaftlichen Reden von DEM MARKT Paroli bieten können. Die Zeit ist überreif, den Spieß umzudrehen und allen offensiv gegenüberzutreten, die immer noch mit DEM MARKT argumentieren.
Die Auseinandersetzung um DEN MARKT geht weit über den Bereich der Ökonomie als Wissenschaft hinaus. Die ökonomische Theorie konnte nur deshalb einflussreich werden, weil sie die Interessen machtvoller Gruppen fördert und über Kanäle verfügt, die ein hoch spezialisiertes Wissen in einfache Gedanken um- und verformen, – und auch: weil es Andersdenkende versäumt haben, dieses Denkgebäude nachhaltig in Frage zu stellen und Alternativen zu präsentieren. Ökonomische Theorien hängen nicht im luftleeren Raum. Sie sind in ein gesellschaftliches und politisches Diskurssystem eingebettet. Hier geht es auch um gesellschaftliche Macht, die sich rechtfertigen will (und muss) und dazu der Hilfe einer Theorie bedarf. Welche Überzeugungen über die Wirtschaft im Vordergrund stehen, hat unmittelbare Auswirkungen auf Verlierer und Gewinner im Wirtschaftsprozess. Theorien sind auch handlungsmächtig. Ohne die Theorie DES MARKTES würde das marktwirtschaftlich-kapitalistische System anders aussehen (und hätte nicht zu der globalen Krise heute geführt).
Doch die meisten Ökonomen ziehen immer noch einen Trennstrich zwischen Theorie und ihrer Anwendung. Sie denken wenig politisch und sind kaum geübt oder ausgebildet, über die gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen und Wirkungen ihrer Ansätze systematisch nachzudenken. Für einen Wissenschaftler kann diese Haltung legitim sein. Wissenschaft darf sich selbst definieren, das Ideal der akademischen Freiheit muss beibehalten werden und braucht sich sozialen und gesellschaftlichen Forderungen nicht zu beugen, – egal von wo sie kommen.
Aber für betroffene StaatsbürgerInnen, die in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen denken (müssen) und die von der Krise betroffen sind, ist diese Haltung ein Skandal. Hier muss das, was vor und nach wirkungsmächtigen Wissenschaften kommt, systematisch untersucht werden: in welchem gesellschaftliche Rahmen ist die Disziplin entstanden, welche Kräfte waren und sind hier am Werk, welche Meinungen setzen sich wie durch, wie wird mit Außenseitern umgegangen, welche Machtgruppen fördern bestimmte Theorien, usw.?
Eine umfassende Kulturgeschichte DES MARKTES, die Fragen dieser Art beantworten könnte, wurde noch nicht geschrieben, vieles liegt noch im Dunklen.[1] Was hat den Aufstieg dieses Glaubenssystems im 20. Jahrhundert möglich gemacht: am Anfang des Jahrhunderts in einer Minderheiten-Position, am Ende die große dominante Lehre, welche Politik und Wirtschaft auf die Globalisierung einstimmt? In meinem Verständnis kann Geschichte nicht auf eine Einflussgröße zurückgeführt oder gar ursächlich erklärt werden. Geschichtliche Prozesse sind auch Zufall, viele Faktoren sind auf vielschichtige Weise verwoben. Im langsamen Niedergang des Glaubens an DEN MARKT und aus einer kritischen Außenposition erkennen wir erste Konturen eines Vorgangs über ein Jahrhundert. Er entstand und speiste sich aus vielen Quellen:
- der Schock, den das traditionelle liberale Denken durch die Weltwirtschaftskrise erlitten hatte: er führt zu neuen liberalen Strömungen (wie den Theorien von Keynes), aber auch zu einem radikalen Markt-Liberalismus, – er nennt sich selbst, wie wir gleich erzählen werden, Neoliberalismus. Hier wird das alte Projekt der Aufklärung fallengelassen, der ökonomische Liberalismus trennt sich vom politischen, die Wirtschaft soll, so wird gesagt, die Politik dominieren.
- die Umdeutung der Demokratie durch führende Kreise in den USA: das alte Konzept einer Demokratie durch politische Teilhabe wird aufgegeben und durch eine „Experten-Demokratie“ ersetzt. „Das Volk“ sei, so wird gesagt, nicht in der Lage politisch klug zu handeln, es müsse von Experten geführt werden. (Dazu braucht man Propaganda, siehe unten.). Die ökonomische Theorie fördert diese Entwicklung durch viele demokratiefeindliche Argumente (auch darauf kommen wir noch zurück).
- Wirtschaftliche Macht verlagert sich zunehmend auf große Konzerne, sie bekommen, in mehreren Runden, Einfluss auf die Politik, – unter anderem auch auf die Medien, – werden in diesem Prozess immer marktradikaler und fördern Theorien und Politiker, die dem Wohlfahrtsstaat und später dem Nationalstaat kritisch gegenüberstehen. Sie werden darin durch ökonomische Theorien unterstützt. Nach dem 2. Weltkrieg wird es in der Theorie modern, von „Staatsversagen“ zu sprechen, einige dieser Ansätze werden noch erwähnt.
- das Anwachsen Dutzender marktradikaler Think-Tanks weltweit, auch von Konzernen gefördert. In einigen Ländern erringen sie großen Einfluss auf die Politik. Der Glaube an DEN MARKT wird von einer philosophischen Idee zu einer gestaltenden politischen Kraft,[2] – mit Rückwirkungen auf die ökonomische Theorie und den politischen Diskurs.
- der Aufstieg der USA zur dominanten Macht nach dem Zweiten Weltkrieg, getragen von einer Propaganda „des freien Westens“ mit einem freien MARKT. Konzepte und Entwicklungen in den USA strahlen auf andere Länder aus, werden direkt übernommen oder müssen übernommen werden, – auch in der ökonomischen Theorie und in der Wirtschaftpolitik.
- die Entwicklung des Computers und sein Einfluss auf das politische Denken während des Kalten Krieges. In diesem Konnex entsteht die mathematische Neoklassik, die wichtigste marktradikale Theorie im 20. Jahrhundert. Ihr Hauptmodell wird ab Kapitel 3 dargestellt. Sie basiert auf Denkfiguren, die zum Kalten Krieg passen und auf dem Konzept des Computers, der in den 40er Jahren für militärische Zwecke erfunden wurde.
- die Entwicklung neuer Propaganda-Methoden, die Konzepte und Instrumente der Beeinflussung der öffentlichen Meinung liefern. Der Glaube an DEN MARKT, das will ich in diesem Buch zeigen, zehrt von einer Theorie der Propaganda. Die Theorie DES MARKTES ist nicht nur eine Theorie (angesiedelt im Diskursraum der Wissenschaft), sondern auch ein Propaganda-Ansatz, der die gesamte Kultur umkrempeln will.
- die Neuorganisation der Interessen der großen Konzerne und reicher Personen, vor allem in den USA. Sie fördern Theorien DES MARKTES und ihre Propagandisten, weil sie ihren Interessen dienen. Das Resultat ist eine Zunahme der Ungleichheit in Vermögen und Einkommen in vielen Ländern.
- neue technische Entwicklungen, die eine engere Verflechtung globalen Wirtschaftens möglich gemacht haben, das Bild DES MARKTES als globaler MARKT wird, so scheint es, bedeutsamer: man spricht von der Globalisierung wie man früher von DEM MARKT geredet hat.
- der Zusammenbruch kommunistischer Systeme weltweit und das Umschwenken der kommunistischen Partei Chinas zum Kapitalismus: jetzt, so die Propaganda, habe DER MARKT seine Überlegenheit auch historisch gezeigt, – ja wir seien gar am „Ende der Geschichte“ angelangt, so ein prominenter marktradikaler Historiker.[3]
- der Niedergang systemsteuernder Entwürfe (in der Tradition von Keynes) und das Versiegen utopischer und gesellschaftskritischer Ansätze, die früher linke Bewegungen vertreten haben. Die europäische Sozialdemokratie kapituliert, zuerst theoretisch, dann in ihrem Handeln: Blair und Schröder führen marktradikale „Reformen“ durch,[4] alternative theoretische und politische Ansätze werden nicht mehr entwickelt.
Entscheidend ist für mich der Propaganda-Aspekt: die Theorie DES MARKTES kann als bewusst entworfenes (und finanziertes) Propaganda-Produkt einflussreicher Kreise gedeutet werden, mit dem Ziel das politische und soziale Denken zu beeinflussen. Sie war lange Zeit ohne großen Einfluss, gewann in den siebziger Jahren plötzlich politische Macht und wurde dann schrittweise zur herrschenden Lehre weltweit. Die dominante ökonomische Lehre wird in diesem Buch als massenwirksamer Propaganda-Ansatz verstanden.
Dies wird auch an der Praxis DES MARKTES deutlich, wie der Begriff DER MARKT im politischen Diskurs verwendet wurde und welche Wirkungen dies hat. Theorie, Praxis und Propaganda sind eng verwoben. Aus der Fülle der Phänomene kann ich nur einige wenige herausgreifen: die Aushöhlung des Staates im Vergleich zu DEM MARKT, die Rolle der Löhne am Arbeitsmarkt, die Diskreditierung des Sozialstaates und der Bedürftigen, die Wirkungen auf die Einkommensverteilung, wie mächtige Institutionen (wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfond) mit DEM MARKT argumentieren, mit Beispielen einzelner Länder – wie Chile und Russland – in denen Ökonomen im Hinblick auf das Bild von DEM MARKT die Wirtschaftsstruktur umgekrempelt haben, bis hin zum Irak, – heute vielleicht das marktradikalste Land der Welt.[5]
Das geschichtliche Verständnis des marktradikalen Denkens und seiner Folgen wird in diesem Buch mit einer Kritik des wichtigsten Modell DES MARKTES verbunden:
- Auf der Ebene der ökonomischen Theorie wird die Neoklassik als brauchbarer Ansatz abgelehnt. Ich argumentiere hier als Ökonom und bringe viele theoretische und methodische Argumente. Die neoklassische Theorie besitzt für mich keinerlei wissenschaftlichen Wert.
- Auf der Ebene des Diskurses wird aufmerksam gemacht, aus welchen Hintergründen die Theorie entstanden ist und wie sie heute von Medien, Institutionen, JournalistInnen, Personen in Wirtschaft und Politik oder von Wissenschaftlern in der Öffentlichkeit (immer noch) verwendet wird. Ich argumentiere hier als Kommunikationsexperte, der sich mit Fragen des politischen Diskurses beschäftigt hat.
Viele Mängel der Neoklassik sind den Insidern seit Jahren bekannt. Sie haben aber keine Wirkung gezeigt. Im Gegenteil: Wer heute die Wissenschaft von der Wirtschaft studiert, sei es nur in Lehrbüchern oder weiterführend, wird in höherem Masse im marktradikalen Denken geschult als vor zwanzig Jahren. Junge Ökonominnen und Ökonomen glauben mehr an DEN MARKT als ältere.[6] Der Neoklassik ist es gelungen, ihre theoretischen Schwächen in ideologische Stärken zu verwandeln. Eine Theorie, die kein empirisches Fundament besitzt (das zeige ich an Dutzenden Beispielen), lässt eine inhaltliche Interpretation in jede Richtung zu.
„Wenn man (fast) nichts Konkretes sagt, ist schließlich alles gesagt. Und dann läst sich mit solchen Aussagen auch alles machen, unter anderem Politik.“ (Stephen Gross).[7]
Aber das bekommen wir nur in den Blick, wenn wir zwei Ebenen systematisch verbinden:
- die Inhalte der Theorie, ihre sonderbaren Annahmen, ihre logischen Widersprüche und ihre mangelhafte Verankerung in der Realität, und
- die Absichten der Erfinder, ihre politischen und ideologischen Wirkungen im Diskurs und ihren Einfluss auf die Gesellschaft.
Beginnen wir mit der Entstehungsgeschichte DES MARKTES in der ökonomischen Theorie und ihren vielfältigen Hintergründen im 20. Jahrhundert.
[1] Wichtige Arbeiten sind Desai 1994, Gellner 1995, Dixon 2000a und b, Walpen 2004, Ptak 2004, Horn und Mirowski 2005, Nordmann 2005, Tevelow 2005 und Plehwe u.a. 2006.
[2] Vgl. Peck und Tickell 2002 zu Phasen in diesem Prozess.
[3] Fukyama 1992. “Mit dem Triumph des Kapitalismus findet der Kampf um Anerkennung im globalen Maßstab sein Ende. Damit mündet Geschichte in die homogene Zeit, die kein Zuvor und kein danach mehr kennt, sondern nur noch Gegenwart. In der Folge gerät auch Politik an ihr Ende und wird ersetzt von Verwaltung und wirtschaftliche Tätigkeit.” (Misik 1997, 41f.).
[4] Zum Konzept von „New Labour“ unter Anthony Blair vgl. Dixon 2000b.
[5] Vgl. Ötsch und Kapeller 2009.
[6] Nach einer Internetbefragung unter allen deutschen VolkswirtInnen, die beim Verein für Socialpolitik organisiert sind (Rücklaufquote 21%) bekennen sich 80 Prozent zur neoklassischen Theorie, signifikant deutlicher vor allem jüngere. Nur 32 Prozent halten den Homo Oeconomicus für unbrauchbar. Lediglich 12 Prozent der ökonomischen Zunft fühlt sich in ihren „wissenschaftlichen Grundeinstellungen und Ausrichtungen“ dem Keynesianismus verbunden, alle anderen (1%: Marxismus/Sozialismus; 12%: keine Angabe, Mehrfachnennungen waren möglich) ordnen sich einer der modernen marktradikalen Richtungen zu. 89 Prozent befürworten eine Senkung der Lohnnebenkosten und 76 Prozent „eine weitgehende Verlagerung der Lohnfindung in die Betriebe“, – folgerichtig stimmen 68 Prozent zu: „Die wirtschaftliche Macht der Gewerkschaften sollte eingeschränkt werden“. Andere Arten von wirtschaftlicher Macht wurden nicht hinterfragt. Vgl. Frey, Humbert und Schneider 2007.
[7] Groß 1999, 134. Weiter im Zitat: „Schwäche der Theorie, hervorgerufen durch überzogenen Reduktionismus und Wahrnehmungsverkürzungen ist geradezu Voraussetzung für den „Erfolg“ und politische Wirkmächtigkeit einer solchen Theorie als Ideologie.“
Liste der Muster der marktradikalen Propaganda
| 1 | Teilen Sie die (soziale) Welt in zwei Teile: in DEN MARKT und den NICHT-MARKT. |
| 2 | Begreifen Sie DEN MARKT und den NICHT-MARKT als logische und einander ausschließende Gegensätze. Tun Sie, als ob es keine verbindenden Merkmale gäbe. |
| 3 | Tun Sie, als ob DER MARKT auf der einen und der NICHT-MARKT auf der anderen Seite in sich gleichartig wären. |
| 4 | Belegen Sie DEN MARKT und den NICHT-MARKT mit eindeutigen Eigenschaften: DEN MARKT mit positiven, den NICHT-MARKT mit negativen. |
| 5 | Beschreiben Sie die Beziehung zwischen DEM MARKT und dem NICHT-MARKT als Konflikt oder Kampf um Macht oder Vorherrschaft. |
| 6 | Definieren Sie DEN MARKT und den NICHT-MARKT idealtypisch und nicht empirisch. Geben Sie keine exakten Bedingungen an, wann wir von MARKT oder NICHT-MARKT sprechen dürfen. |
| 7 | Argumentieren Sie nur dann mit Zahlen, Fakten und Empirie, wenn sie für den Glauben an DEN MARKT förderlich sind. Unterdrücken Sie alle empirischen Befunde, die mit diesem Glauben nicht vereinbar sind oder ihn kritisieren. |
| 8 | Manipulieren Sie, in dem Sie vom DEM guten MARKT und dem bösen NICHT-MARKT sprechen. Verschweigen und leugnen Sie, dass es sich um Propaganda handelt. Geben Sie Ihren Standpunkt als wissenschaftliche Erkenntnis aus. |
| 9 | Versuchen Sie die Gesellschaft zu manipulieren. Bedienen Sie sich dabei einer Theorie, die behauptet, man könne Gesellschaft nicht manipulieren. |
| 10 | Bezeichnen Sie Freiheit als das höchste Gut für den Menschen. |
| 11 | Geben Sie DEM MARKT die Eigenschaft von Freiheit. |
| 12 | Sprechen Sie von der Freiheit. |
| 13 | Verweisen Sie als letzte Begründung für Ihr Argument auf die Natur. |
| 14 | Lassen Sie im unklaren, ob DER MARKT eine Utopie ist oder ein reales Geschehen beschreibt. |
| 15 | Bündeln Sie Ihre Feinde. |
| 16 | Fordern Sie Unterwerfung unter DEN MARKT. |
| 17 | Trennen Sie die Wirtschaft radikal von allem (anderen) Sozialen. |
| 18 | Erwecken Sie die Suggestion, die Wirtschaft hätte nichts mit dem zu tun, was gemeinhin das soziale Leben ausmacht. Erschaffen Sie einen virtuellen Bereich, in dem es keine sozialen Gemeinschaften, keine sozialen Gruppen, keine sozialen Beziehungen, keinen sozialen Wandel, keine soziale Mobilität und fast keine sozialen Regeln gibt. Suggerieren Sie, „die Wirtschaft“ bilde ein eigenständiges Gebiet, losgelöst von dem, was sonst als „Soziales“ gilt. |
| 19 | Begreifen Sie „die Wirtschaft“ als ein System, das in seinem Wesen ohne Geschichte verstanden werden kann. Verschweigen Sie, was Sie mit „der Wirtschaft“ konkret meinen: wirtschaftliche Aktivitäten in den USA im Jahre 2008 oder in China im Jahre 2000 oder in Berlin im Jahre 1929? |
| 20 | Diskutieren Sie nicht das komplexe Geflecht der Institutionen, die ein modernes Wirtschaftssystem auszeichnen. |
| 21 | Reduzieren Sie die Wirtschaft auf Märkte. |
| 22 | Erwecken Sie die Suggestion, die Wirtschaft könne ausschließlich oder in ihrem „Wesen“ als Markt-Veranstaltung beschrieben werden. Sprechen Sie so wenig wie möglich von den sozialen Beziehungen, die Menschen untereinander eingehen, wenn sie wirtschaften, z.B. von den vielfältigen Hierarchien und Netzwerken in einem internationalen Konzern. Erwähnen Sie auch nicht die ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen, – mit einem Grundverständnis des Wirtschaftssystems hat das nichts zu tun. |
| 23 | Begreifen Sie den wirtschaftenden Menschen als autonomes Individuum. Fassen Sie ihn als isoliert und unabhängig von anderen auf. Befreien Sie ihn radikal von jedem sozialen Anstrich. |
| 24 | Verstehen Sie Vorgänge auf Märkten als Interaktionen isolierter Menschen. |
| 25 | Verstehen Sie „Wirtschaften“ als Beziehung von Menschen mit Dingen (Gütern und Dienstleistungen), nicht von Menschen mit Menschen. |
| 26 | Erfassen Sie „die Wirtschaft“ als ein Gebilde, das prinzipiell von „dem Staat“ getrennt ist, ohne ihn existiert und ohne Zusammenhang mit ihm verstanden werden kann. |
| 27 | Entwerfen Sie ein Modell DES MARKTES mit den besten Eigenschaften, die Sie sich ausdenken können. Wählen Sie Ihre Annahmen immer nach folgender Regel: eine Annahme ist nur dann brauchbar, wenn sie im Modell zu optimalen Ergebnissen führt. Kümmern Sie sich dabei nicht um empirische Belege. Definieren sie alles weg, was ein ideales Modell stören könnte. |
| 28 | Verwenden Sie das Modell DES MARKTES sowohl als Norm für eine ideale Wirtschaft als auch als Vorlage zur Beschreibung tatsächlicher Abläufe. Verwischen Sie diesen Unterschied, so gut Sie können. Erwecken Sie die Suggestion, „die Wirtschaft“ könnte in ihrem Kern als idealer und vollkommener Markt beschrieben werden. |
| 29 | Erklären Sie nicht, was Sie mit „Markt“ oder „vollkommener Markt“ überhaupt meinen, wo in der Realität ein „vollkommener Markt“ zu finden ist, welche genauen Bedingungen vorliegen müssen, welche realen Märkte das sein könnten. Sprechen Sie einfach von einem „Markt“ oder noch besser von DEM MARKT. |
| 30 | Verwenden Sie Ihr ideales Modell eines Marktes als Prototyp über die ganze Wirtschaft, die Summe aller Märkte weltweit: DEN MARKT. |
| 31 | Stellen Sie die Wirtschaft wie selbstverständlich in ein mechanistisches Bild von der Welt. Bleiben Sie in Ihrer Theorie immer im Bild der Maschine. Thematisieren Sie nicht die philosophischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen einer solchen Weltsicht. |
| 32 | Verstehen Sie die Wirtschaft stillschweigend als Verbund von Computern. Erklären Sie alles in der Wirtschaft durch eine Computer-Metapher. |
| 33 | Verstehen Sie den Menschen radikal als Automaten bzw. als maschinenhaftes Wesen. |
| 34 | Fassen Sie den wirtschaftenden Menschen als informationsverarbeitendes Wesen in Analogie zu einem Computer auf. Lassen Sie keine anderen Züge gelten. |
| 35 | Entwerfen Sie ein Rechen-Prozedere, das für einen Computer Sinn gibt. Suggerieren Sie, es handle sich dabei um „Entscheidungen“ von Menschen, die ihrem „Handeln“ vorangehen und ihm zugrunde liegen. |
| 36 | Tun Sie so, als ob die „Präferenzen“ der Menschen fix vorgegeben wären, als ob sie nicht von anderen Menschen beeinflusst werden könnten, – schon gar nicht von „der Wirtschaft“ selbst. Begreifen Sie den Menschen als Wesen mit autonom gegebenen Präferenzen. |
| 37 | Fassen Sie die Wirtschaft als ein System auf, das in einzelne Teile mit exakt definierten Eigenschaften zerfällt. |
| 38 | Reduzieren Sie komplexe Phänomene in der Wirtschaft auf das Verhalten einzelner Menschen. Blenden Sie Gruppenphänomene jeder Art aus. |
| 39 | Begreifen Sie den Menschen als Wesen mit unveränderbaren Eigenschaften. Sprechen Sie von der „Natur“ des Menschen. Leiten Sie, so viel Sie können, aus seiner „Natur“ ab. |
| 40 | Verstehen Sie Unterschiede zwischen Menschen als „natürliche“ Gegebenheiten. Kümmern Sie sich nicht darum, ob und wie DER MARKT diese beeinflusst oder verändert. |
| 41 | Verstehen Sie den Menschen als logisches Wesen. Blenden Sie alle Widersprüche radikal aus: seine Zwiespälte, seine Irrationalitäten, sein Unbewusstes, seine spontanen Launen.. |
| 42 | Beschreiben Sie die Innen-Welt des Menschen als formales Feld. |
| 43 | Geben Sie dem Menschen ein konstante innere Struktur und ein konstantes inneres Programm. Verstehen sie diese gleich bleibenden Qualitäten als Wesen und Identität des Menschen. Geben Sie keine Gründe für diese Annahme an. |
| 44 | Verschleiern Sie, dass Sie in Ihrem Ansatz das ausblenden, was den Mensch vom Tier unterscheidet: die Fähigkeit, über sich selbst nachdenken zu können – über seine Einstellungen, seine Ziele, seine Theorien, sein Handeln – und im Nachdenken sich selbst zu verwandeln. |
| 45 | Stellen Sie alles wirtschaftliches Tun in einen starren Mengen-Raum physischer Objekte. Lassen die Zahl der Dimensionen konstant. |
| 46 | Ordnen Sie jedem Gut nur ein Merkmal und eine einzige Nutzen-Qualität zu. |
| 47 | Geben Sie subjektiven und „innerlichen“ Größen einen Zahlenwert. Verschweigen Sie, dass man sie nicht messen kann. Geben Sie diesen Zahlenwerten objektive Bedeutung. |
| 48 | Nehmen Sie „Gütern“ jedes soziale Merkmal. |
| 49 | Unterstellen Sie, man könne alles, was für die Wirtschaft wesentlich ist, messen. Reduzieren Sie Qualitäten jeder Art auf messbare Quantitäten. |
| 50 | Definieren Sie jedes Informations-, Wahrnehmungs- und Interpretationsproblem weg, wenn Sie von wirtschaftlichen Vorgängen auf DEM MARKT sprechen. Tun Sie so, als für wirtschaftliche Entscheidungen diese Probleme nicht gäbe. |
| 51 | Verschweigen Sie die überholte philosophische und erkenntnistheoretische Basis des neoklassischen Modells, vor allem den naiven Realismus und die Abbildtheorie des Geistes. |
| 52 | Verschweigen Sie, dass es im Modell DES MARKTES keine Menschen mit Bewusstsein, Selbst-Bild und Selbstwertgefühl gibt. |
| 53 | Tun Sie so, als ob man Handlungen von Menschen erklären könnte, ohne auf moralische Fragen Bezug zu nehmen. Fassen Sie den wirtschaftenden Menschen als moralfreies Wesen auf. Stellen Sie DEN MARKT als moralfrei dar. |
| 54 | Betonen Sie die Wahlfreiheit des Menschen. Leugnen Sie seine Willensfreiheit. |
| 55 | Statten Sie den Homo Oeconomicus mit der Fähigkeit der perfekten Voraussicht aus: er weiß schon heute die künftigen Konsequenzen seiner Handlungen. |
| 56 | Unterstellen Sie dem Mensch-Computer DES MARKTES ein einfaches (formales) Programm mit einer eindeutigen Zielfunktion. |
| 57 | Blenden Sie in der Analyse des „optimalen“ Verhaltens von Menschen auf DEM MARKT alle Arten von Ziel-Konflikten, sowohl innerhalb der Menschen als auch untereinander, radikal aus. Bleiben Sie immer in der Fiktion von eindeutig definierten Individuen im Sinnen von Objekten oder Maschinen. |
| 58 | Geben Sie jedem Gut die Fähigkeit einer unendlichen Teilbarkeit. |
| 59 | Geben Sie sich beeindruckt, wie „optimal“ der Mensch-Computer am MARKT funktioniert. Nennen sie ihn und seine Resultate „logisch“, „rational“, „optimal“ und „effizient“. |
| 60 | Vermischen Sie die Begriffe „logisch“, „rational“, „optimal“ und „effizient“. Setzen Sie diese deckungsgleich, wenn sie über Eigenschaften des Menschen und sein Verhalten reden. |
| 61 | Begreifen Sie „logisch“, „rational“, „optimal“ und „effizient“ als „natürliche“ Aspekte des Menschen. Verstehen Sie den Menschen als „rationales“ Wesen |
| 62 | Verstehen Sie „die“ Firma als analoges Gebilde zu „dem“ Haushalt. |
| 63 | Verstehen Sie „Firmen“ oder „Unternehmungen“ als Entscheidungs-Einheiten ohne qualitative Unterschiede zu Haushalten. |
| 64 | Verstehen Sie eine „Firma“ – unabhängig von ihrer Größe – als eine Organisation, die in ihrer Gesamtheit wie ein Computer agiert. |
| 65 | Verstehen Sie eine „Firma“ als eine Organisation ohne Marketing. |
| 66 | Verstehen Sie eine „Firma“ als eine Organisation ohne Finanzierung. |
| 67 | Verstehen Sie eine „Firma“ als eine Organisation ohne Forschung und Entwicklung. |
| 68 | Reduzieren Sie eine Firma auf die Produktion. |
| 69 | Beseitigen Sie die Tatsache von technischem Wandel aus dem Bild DES MARKTES. |
| 70 | Verstehen Sie eine „Firma“ als Organisation mit einer logisch eindeutigen Struktur. |
| 71 | Verstehen Sie eine „Firma“ als eine Organisation ohne Hierarchie. |
| 72 | Verstehen Sie Produktion als naturwissenschaftlichen Prozess. |
| 73 | Verstehen Sie alle Dinge im Modell als naturwissenschaftlich definierte Dinge. |
| 74 | Lassen Sie im unklaren, was eine „Firma“ oder „Unternehmung“ bedeuten soll. Erklären Sie nicht, ob das technische Wissen, Wissen insgesamt oder eine rechtlich-institutionelle Einheit gemeint ist. |
| 75 | Entwerfen Sie ein rein statisches Modell der Wirtschaft, in dem das Neue keinen Platz hat. Tun Sie so, als ob es nicht wichtig wäre, von wo, von wem und auf welche Art Erfindungen gemacht werden: neue Produkte, neues technisches Wissen, neue technische Verfahren, neue Organisationsformen, neue Märkte, neue Moden, veränderte Lebenseinstellungen, … – auch neue Sichtweisen über das Wirtschaftssystem. |
| 76 | Entwerfen Sie ein Modell der Wirtschaft, in dem es kein Konzept des Neuen gibt. |
| 77 | Kümmern Sie sich nicht um wirtschaftliche Beziehungen, die Firmen mit anderen Firmen eingehen, auch nicht um innerbetrieblichen „Handel“, alle Verkettungen durch Vorleistungen (Business-to-bussiness-Beziehungen). Klammern Sie auch Fragen von Kapitalinvestitionen und ihre Märkte aus der Analyse aus. |
| 78 | Tun Sie so, als ob eine „Firma“ nur ein einziges Produkt erzeugen würde. |
| 79 | Bilden Sie eine Firma in ihrer Gesamtheit durch ein formales Technik-Feld in Analogie zu einem Nutzen-Feld ab. |
| 80 | Verstehen Sie Arbeit nur als handelbares Gut wie jede andere Ware. Inputgut im Produktionsprozess, das, wie jede andere Ware als handelbares Gut. Trennen Sie diesen Begriff prinzipiell von der Identität von Menschen, ihrem Lebensschicksal, ihren Sorgen und Ängsten, ihren Selbstbildern und Selbstwertgefühlen, ihre Einbettung in soziale Prozesse oder das Erleben von sozialer Macht. |
| 81 | Erwecken Sie die Suggestion, die Unternehmen könnten ihre Produktion jederzeit blitzschnell umbauen. Spielen Sie Anpassungsprobleme, die Zeit erfordern, systematisch herunter |
| 82 | Unterstellen Sie, Firmen könnten Arbeit (und alle anderen Produktionsfaktoren) kurzfristig und kontinuierlich (in kleinsten Proportionen) gegen andere Inputs im Produktionsprozess ersetzen. Ignorieren Sie beharrlich die Fülle der empirischen Befunde, die dagegen sprechen. |
| 83 | Unterstellen Sie, eine Ausweitung der Produktion würde zu steigenden Durchschnittskosten führen. Ignorieren Sie beharrlich die Fülle der empirischen Befunde, die dagegen sprechen |
| 84 | Unterstellen Sie, das Ziel jeder Firma sei es, ihren Gewinn zu maximieren. Erklären Sie nicht, was Sie damit meinen. |
| 85 | Verschweigen Sie, dass es in Ihrem Modell der Unternehmung keine Unternehmer-Personen gibt. |
| 86 | Verstehen Sie das „Gemeinschaftliche“ der Menschen in der Wirtschaft als technischen Prozess der Weitergabe und Koordination von Informationen. |
| 87 | Verstehen Sie Koordination als rein technischen Akt, bei dem sich Menschen nicht gegenseitig beeinflussen, z.B. indem sie miteinander sprechen. |
| 88 | Verstehen Sie DEN MARKT als überpersönliche Agentur, welche die Informationen isolierter Akteure koordiniert. |
| 89 | Verstehen Sie DEN MARKT als eine Instanz, die wie ein Computer funktioniert. |
| 90 | Begrenzen Sie die für das Verständnis der Wirtschaft notwendigen Informationen auf den Fluss zwischen den Menschen und DEM MARKT. Unterdrücken Sie konsequent die Bedeutung aller anderen Informationen zwischen Menschen. |
| 91 | Verstehen Sie einen MARKT als geordnetes Netzwerk von Computern, koordiniert vom Computer DES MARKTES. |
| 92 | Begrenzen Sie die Informationen DES MARKTES auf Preise. Leugnen Sie die Bedeutung von Informationen über und von DEM MARKT, die keinen Preischarakter besitzen. |
| 93 | Suggerieren Sie, dass nur die Preise die Wirtschaft steuern. |
| 94 | Verschleiern Sie, dass in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie kein Haushalt und kein Firma Preise setzen oder verändern kann. |
| 95 | Verwischen Sie den Unterschied zwischen Preisen, die der MARKT-Computer festlegt und Preisen, die andere Akteure (Firmen oder Haushalte) setzen. Tun Sie, als ob die Preise im Modell DES MARKTES mit realen Preisen deckungsgleich wären. |
| 96 | Verstehen Sie DEN MARKT als Feedbacksystem, das auf ein „optimales“ Resultat steuert. |
| 97 | Geben Sie einem MARKT nur ein einziges Produkt (eine Produktqualität) mit einem einzigen Preis (Annahme der Nichtdiskriminierung). |
| 98 | Definieren Sie jedes Informationsproblem in Bezug auf Preise weg. Geben Sie allen TeilnehmerInnen auf DEM MARKT die Fähigkeit, alle Preise auf allen Märkten (auf denen sie Angebote oder Nachfragen erstellen wollen) vollständig und unverfälscht zu kennen. Geben Sie allen Personen auf DEM MARKT ein vollständiges Wissen über alle Preise. (Annahme der totalen Transparenz DES MARKTES). |
| 99 | Verstehen Sie DEN MARKT als transparenten Informationsprozess. |
| 100 | Statten Sie Firmen und Menschen mit einer unendlich schnellen Geschwindigkeit aus. Geben Sie ihnen die magische Fähigkeit, auf äußere Änderungen blitzschnell reagieren zu können. Definieren Sie jede Zeit weg, die reale Personen vom Auftauchen neuer Informationen bis zur Marktreaktion brauchen: die Zeiten zur Informationsaufnahme, zu ihrer Verarbeitung, zur Entscheidung, zu notwendigen Anpassungen technischer Art, zur Umstellung des Produktionsprozesses, zu organisatorischen Veränderungen, und, und, und … . (Annahme der unendlich schnellen Reaktions-Geschwindigkeit) |
| 101 | Tun Sie, als ob „Angebot“ und „Nachfrage“ reale Größen wären, die man direkt beobachten kann. Verschweigen Sie, dass es sich um Simulationen eines Computer-Programms handelt, die im Prinzip nicht beobachtbar sind. |
| 102 | Unterstellen Sie, dass jede einzelne Angebots- und Nachfrageentscheidung ohne soziale Einflüsse zustande kommt. (Annahme der Unabhängigkeit der individuellen Pläne) |
| 103 | Verschweigen Sie, dass das Modell DES MARKTES für Einpersonen-Unternehmen nicht taugt. |
| 104 | Geben Sie dem Computer DES MARKTES die Fähigkeit, alle aktuellen Mengenwünsche auf seinem Markt vollständig und unverfälscht zu kennen. Verleihen Sie ihm vollständiges Wissen über alle geplanten Mengen-Transaktionen. (Annahme der totalen Transparenz der Akteure). |
| 105 | Verstehen Sie alle Informationsströme auf DEM MARKT als ehrlich gemeint. Blenden Sie Täuschung und Betrug aus. (Annahme der Ehrlichkeit der Akteure). |
| 106 | Unterstellen Sie stillschweigend, der Computer DES MARKTES würde als zentrale Clearingstelle alle tatsächlichen Tauschvorgänge managen (Annahme der zentralen Abwicklung des Tausches) |
| 107 | Geben Sie dem Computer DES MARKTES die Eigenschaft der Neutralität und Distanz zu allen im Kontakt mit DEM MARKT. Stellen Sie DEN MARKT vor und über jede Individualität. |
| 108 | Begreifen Sie das „Verhalten“ des MARKT-Computer als Verkörperung und Ausdruck einer kollektiven Rationalität. |
| 109 | Beschreiben Sie Vorgänge auf DEM MARKT als „logisch“, „rational“, „optimal“ und „effizient.“ |
| 110 | Geben Sie dem Computer DES MARKTES die Eigenschaft, bei einer positiven oder negativen Differenz von Angebot und Nachfrage blitzschnell einen neuen Preis zu errechen, der die Differenz kleiner macht. |
| 111 | Verstehen Sie DEN MARKT als perfekt arbeitende Agentur. Sie erzeugt allgemein verbindliche Preisen, indem sie die Mengen-Informationen der Menschen-Computer optimal aufeinander abstimmt. Nennen Sie den Endzustand, der so zustande kommt, „Gleichgewicht“. |
| 112 | Betrachten Sie DEN MARKT als Zustand im „Gleichgewicht“. |
| 113 | Statten Sie den Computer DES MARKTES mit der diktatorischen Vollmacht aus, den Zeitpunkt „tatsächlicher“ Käufe und Verkäufe festzulegen. Unterstellen Sie absoluten Gehorsam aller Teilnehmer unter die Vorgaben DES MARKTES. |
| 114 | Schließen Sie Marktgeschäfte bei Preisen aus, die kein Gleichgewicht von Markt-Nachfrage und Markt-Angebot sicherstellen. |
| 115 | Tun Sie, als ob „Pläne“ und „Handlungen“ deckungsgleich wären. |
| 116 | Haben Sie keine Hemmung das ideale Bild eines MARKTES auf die gesamte Ökonomie zu übertragen. Sprechen Sie von DEM MARKT als Gesamtheit aller idealen Teilmärkte. |
| 117 | Postulieren Sie die Existenz eines Zentralcomputer DES MARKTES zur Koordination aller MÄRKTE. |
| 118 | Verstehen Sie das ganze Wirtschaftssystem als geordnetes Netzwerk von perfekt arbeitenden Computern. |
| 119 | Preisen Sie die Effizienz DES MARKTES. |
| 120 | Verstehen Sie DEN MARKT als ein System, das die Bedürfnisse der Haushalte auf effizienteste Weise befriedigt. |
| 121 | Suggerieren Sie, DER MARKT würde durch die Präferenzen der KonsumentInnen gesteuert. Geben Sie den KonsumentInnen die eigentliche Macht in der Wirtschaft. Sprechen Sie vom Prinzip der Konsumentensouveränität. |
| 122 | Verstehen Sie DEN MARKT als ein System, in dem immer die Technik mit den geringsten Kosten zum Einsatz kommt. Suggerieren Sie, auf DEM MARKT würde es keine Verschwendung geben. Sprechen Sie vom Prinzip der Kostenminimierung. |
| 123 | Verstehen Sie DEN MARKT als ein System, das die Vollauslastung aller Ressourcen der Wirtschaft garantiert. Sprechen Sie vom Prinzip der optimalen Allokation der Ressourcen |
| 124 | Verstehen Sie DEN MARKT als ein System, das – bei gegebenen Anfangsaustattungen – das Volkseinkommen maximiert. |
| 125 | Bleiben Sie bei Ihrem einfachen linearen Argument (gegebene Daten à optimales Ergebnis). Diskutieren Sie keine Wechselwirkungen zwischen den „Daten“, – das würde die „Optimalität“ DES MARKTES in Frage stellen. |
| 126 | Verschweigen Sie, dass DER „vollkommene“ MARKT keine wirklich dezentrale Wirtschaft zeigt, sondern eine zentrale autoritäre Instanz enthält. |
| 127 | Erfinden Sie eine Person, welche die Koordination der unabhängigen Entscheidungen der Haushalte und Firmen auf DEM MARKT managt. Geben Sie keine Begründung für Ihr erdachtes Wesen an. Sagen Sie nicht, für welche Institution diese Märchen-Figur steht. |
| 128 | Verwischen Sie den Unterschied zwischen empirisch beobachtbaren Geldpreisen und Preisen, die auf die Menge einer (willkürlichen) Ware bezogen werden. |
| 129 | Kehren Sie unter den Tisch, dass in dem idealen Modell DES MARKTES Geld gar nicht vorkommt (und nicht vorkommen kann). Tun Sie so, als ob das Fehlen von Geld keine große Bedeutung hätte. |
| 130 | Verschleiern Sie, dass in dem idealen Modell DES MARKTES der Fluss der Zeit keine Bedeutung hat und nichts in der Zeit passiert. |
| 131 | Normieren Sie die Präferenzen der Haushalte so, dass DER MARKT stabil wird (Sonnenschein-Mantel -Theorem). |
| 132 | Verschweigen Sie den AnfängerInnen die Ergebnisse der Stabilitätsanalyse. |
| 133 | Haben Sie keine Bedenken, die Identität von Menschen den Erfordernissen DES MARKTES anzupassen. |
| 134 | Sprechen Sie von den Kräften und Mechanismen DES MARKTES nach dem Vorbild der Natur. Sprechen Sie vom MARKT-Preis-Mechanismus. |
| 135 | Sprechen Sie von den Gesetzen DES MARKTES und behandeln sie diese wie Naturgesetze. |
| 136 | Suggerieren Sie, die Koordination von Plänen auf DEM MARKT habe prinzipiell nichts mit sozialer Macht zu tun. Verstehen Sie DEN MARKT als Bereich ohne soziale Macht. |
| 137 | Geben Sie den Unternehmungen keine soziale Macht: weder intern (die Bürokratie großer Konzerne) noch extern (die Finanzmacht von Firmen und Fonds). |
| 138 | Nehmen Sie den Mächtigen in der Wirtschaft jede Verantwortung. |
| 139 | Sprechen Sie von Sachzwang. |
| 140 | Sprechen Sie von der Globalisierung |
| 141 | Verschweigen Sie, dass das Reden von DEM MARKT in vielen Fällen nur den Interessen einer Minderheit dient. |
| 142 | Verkaufen Sie DEN MARKT, indem Sie von „Wir“ reden. |
| 143 | Kein Mitleid mit den Opfern DES MARKTES. |